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PYHSIK, ANDERS GESEHEN

RAUMZEIT

Jetzt  stehe ich da und kann alle meine Gedanken, die ich hier vorstellen wollte, vergessen. Mitte Januar 2020 stieß ich auf einen Text, der 120 Jahre alt ist und in dem alles, was ich zum Raum-Zeit-Zusammenhang gedacht habe, viel besser, gründlicher, umfassender, philosophisch und erkenntnistheoretisch tiefsinner geschrieben steht.

Ehe ich den Text selbst vorstelle, möchte ich jedoch beschreiben, wie ich auf ihn gestoßen bin.
Vor vielen Jahren hatte ich zufällig ein Zitat von John Locke (1632 - 1704)  gefunden, das meine eigenen Vorstellungen über den angeblich erst von Einstein entdeckten Zusammenhang von Raum und Zeit auf den Punkt brachte.

Eine längere Suche war nötig, das Zitat wiederzufindenA:PALÁGYI weist auf folgende Stelle bei LOCKE hin: »Raum und Zeit greifen wech- selseitig ineinander und umschließen einander, indem jeder Teil des Raumes in jedem Teile der Zeit und jeder Teil der Zeit in jedem Teil des Raumes enthalten ist« Mein Gedanke war schon lange zuvor gewesen, dass die allgemeinste Erfahrung von Raum und von Zeit immer diese  beiden Aspekte, diese beiden Komponenten des Seins zusammen denkt:
Keine Raumerfahrung ohne Zeiterfahrung, kein zeitliches Erleben, das nicht im Raum ist.
Es gibt nur - so war meine absolute Überzeugung - nur die Gegenwart im Raum,  überall im Kosmos parallel. Wenn hier auf der Erde etwas geschieht, geschehen zum gleichen Zeitpunkt an allen Raumpunkten Ereignisse, parallel, gleichzeitig.

Zeit ist immer ein Kontinuum, es gibt keine Sprünge in der Zeit, keine Schleifen, kein Wechsel zwischen Vor- und Rückwärts. Es ist nicht möglich, dass an einem Ort der Welt dieser in der Zeit bereits gegenüber der irdischen Zeit in der Zukunft ist, während an einem Ort in der Welt die Zeit gegenüber der Zeit auf der Erde noch in der Vergangenheit ist.
Der Kosmos existiert nur in der "ewigen Gegenwart", im "ewigen Jetzt".
Im Gegenteil, es war sogar so, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass eine andere als diese Auffassung wirklich eine Chance hätte, anerkannt zu werden.

Diese meine Auffassung könnte durchaus mit dem Philosophieunterricht und der dabei vermittelten dialektischen Denkmethode aus DDR-Zeiten zu tun haben. 
Ich meine, ich kann nicht behaupten, dass diese Gedanken allein "auf meinem Mist gewachsen" waren.

Nun also, im Januar 2020, hatte ich das gesuchte Zitat von John Locke wiedergefunden. Doch dann passierte diese unglaubliche Sache  - es  zeigte sich, dass das obige Zitat viel umfangreicher  war als ich es in Erinnerung hatte.
Die Gedanken dieses oben im Zitat erwähnten Herrn Palágyi waren noch viel spannender als die des Herrn Locke:
(Zitat aus der gleichen Quelle wie oben - Rudolf Eislers Wörterbuch der philosophischen Begriffe, ab S. 212 - Hervorhebungen im Text von mir - B.K)

Die Einheit von Raum und Zeit betont M. PALÁGYI. Raum und Zeit sind nicht zwei selbständige Anschauungsformen (Neue Theor. von Raum u. Zeit S. VIII). Richtig ist nur die Idee vom »fließenden Raum«, »in der der Raum als ein sich in der Zeit stetig erneuernder aufgefaßt wird« (ib.). Es gilt das »Princip der Reciprocität zwischen Raum und Zeit« (l. c. S. X). Ohne das Merkmal der Gleichzeitigkeit ist der Raum nicht zu denken. die Zeit denken wir durch einen Raumpunkt fließend (l. c. S. 3). »Die Mannigfaltigkeit aller Raumpunkte schließt sich in dem Zeitpunkte zu einer einheitlichen Totalität zusammen.« »Der Zeitpunkt entfaltet sich in allen Raumpunkten zu dem unendlichen Weltenraume« (l. c. S. 6). Der Zeitpunkt ist »die Einheit des Weltenraumes«, der Weltraum »die endlose Entfaltung des Zeitpunktes« (ib.). »Der Zeitpunkt ist der Weltraum« (l. c. S. 7). »Die Mannigfaltigkeit aller Zeitpunkte schließt sich in dem Raumpunkte zu einer einheitlichen Totalität zusammen.« »Der Raumpunkt entfaltet sich in allen Zeitpunkten zu dem unendlichen Zeitstrom« (l. c. S. 8). Der Raumpunkt ist »die Einheit des Zeitstromes«. Der Zeitstrom ist »die endlose Entfaltung eines Raumpunktes« (l. c. S. 9). »Der Raumpunkt ist der Zeitstrom« (ib.. Log. auf d. Scheidewege S. 49, 115 M, 122 ff., 279 ff., 288). »Der sich stets erneuernde Raum begreift... schon die Zeit in sich« (Log. S. 124). Der »fließende« ist als der »dynamische« Raum zu bezeichnen (l. c. S. 125). Keine Erscheinung kann bloß im Raume, bloß in der Zeit stattfinden (l. c. S. 289 ff.). Raum und Zeit bilden »eine einheitliche Doppelordnung der Erscheinungswelt« (l. c. S. 293). An der ständigen Erneuerung des Raumes hat jede Erscheinung im Raume teil, so daß es keine absolute Ruhe gibt. die ruhenden Qualitäten »erhalten den Charakter der rhythmischen Wiederholung« (l. c. S. 306). Nach der »dynamischen Raumtheorie« ist die Zeit dem Raume oder der Raum der Zeit immanent (l. c. S. 308). Der ganze Weltenraum »erneuert sich in jedem Augenblicke der Zeit« (l. c S. 312).
....
PALÁGYI weist auf folgende Stelle bei LOCKE hin: »Raum und Zeit greifen wechselseitig ineinander und umschließen einander, indem jeder Teil des Raumes in jedem Teile der Zeit und jeder Teil der Zeit in jedem Teil des Raumes enthalten ist«

Ich begann zu recherchieren:

Die  folgenden Angaben habe ich dem Wikipedia-Artikel über ihn entnommen, angesehen am 21.01.2020:
Menyhért Palágyi, im Deutschen auch Melchior Palágyi (1859 - 1924) war ein ungarischer Philosoph, Mathematiker und Physiker.
In seinem Werk "Neue Theorie des Raumes und der Zeit" entwickelte er eine "Raumzeitlehre", in der er als vierte Dimension die imaginäre Zeitkoordinate it einführte.
Im Jahr 1914 warf er Albert Einstein und Hermann Minkowski Plagiat vor und erklärte gleichzeitig, dass sie seine Theorie "völlig missverstanden hätten. Wie Max Born oder Klaus Hentschel jedoch ausführten, hatte seine Philosophie mit der Physik der Relativitätstheorie nichts gemein, sondern ist bloß eine Neuformulierung der klassischen Zusammenhänge." (Zitat aus dem o. g. Wikipedia-Artikel)

Man kann sich nun streiten: Falls Palágyi lediglich ("bloß") die klassischen Zusammenhänge neu formuliert hat, dann war die Idee der Raumzeit-Kopplung schon längere Zeit vor der Veröffentlichung der Speziellen Relativitätstheorie von Albert Einstein im Jahr 1905 bekannt, einschließlich der Idee, diese Kopplung über die vierte Dimension (Koordinate) der Zeit darzustellen.
Oder hat Palágyi - wie er selbst in seiner Arbeit darstellt - eine neue Raum-Zeit-Lehre aufgestellt?
Hat Einstein diese klassischen Zusammenhänge gekannt?
Hat er Palágyis Ausführungen gekannt?

Hier die ausführliche Quellenangabe
Neue Theorie des Raumes und der Zeit
Die Grundbegriffe einer Metageometrie
von Dr. Melchior Palágyi
Leipzig Verlag von Wilhelm Engelmann 1901.

Diese Schrift ist glücklicherweise im Internet als pdf abrufbar unter
de.wikisource.org/wiki/Neue_Theorie_des_Raumes_und_der_Zeit externer Link ,
so kann sie jeder lesen und sich seine eigene Meinung dazu bilden.

Natürlich las ich sie.
Palágyi schreibt im Vorwort zu seiner Arbeit im Jahr 1901: Ich erlaube mir im Folgenden eine Einheitslehre vom Raume und der Zeit zu entwickeln, die sich von den herrschenden Anschauungen über Raum und Zeit wesentlich unterscheidet, und die mir aus einer Verbindung von erkenntnistheoretischen und geometrischen Betrachtungen erwachsen ist.
Palágyi hat sich dem Raum-Zeit-Problem aus  philosophisch-erkenntnistheoretischer Sicht angenähert.
Zuerst vermittelt er einige allgemeine erkenntnistheoretische Grundlagen als Voraussetzung, das Raum-Zeit-Problem überhaupt verstehen zu können.

Nur noch ein  Zitat will ich wiedergeben, obwohl die Arbeit noch viele interessante Gedanken enthält:
S. 3 des pdf:
Im Anschlusse an den obigen Gedankengang fand ich, daß auch die herrschende Lehre vom Raume und der Zeit an jener falschen Doppelsichtigkeit unseres Verstandes kränkelt. Wir lassen uns durch die Zweizahl dieser Begriffe hinreißen und werden dazu verleitet, den Raum und die Zeit als zwei selbständige und voneinander unabhängige Anschauungsformen aufzufassen. Bedenken wir jedoch, dass die Natur selbst, wo sie uns irgend eine physische Erscheinung zur Verfügung stellt, dieselbe nie bloß im Raume oder bloß in der Zeit, sondern in beiden Formen zugleich realisiert, so wird es uns bald einleuchten, daß erst unser denkender und an die Sprache gebundener Verstand die einheitliche Raumzeitform in die zwei Formen des Raumes und der Zeit zerlegt. Ich bin also in der folgenden Darstellung einer neuen Theorie des Raumes und der Zeit bemüht, die begriffliche Zweiheit der beiden Formen von ihrer wirklichen Einheit wohl zu unterscheiden und sowohl dieser begrifflichen Dualität als auch der realen Einheit derselben nach Kräften gerecht zu werden. Dadurch ergiebt sich mir die Idee von einem »fließenden Raume«, in der der Raum als ein sich in der Zeit stetig erneuernder aufgefaßt wird.
Siehe auch in RAUMLEHRE die Beschreibung des Zusammenhangs von  Raum und Zeit und die Raumlehre als Abstraktion vom Zeitbegriff.


PS 22.02.2022:
Kürzlich fiel mir - zufällig - im Internets auch die Version von Hermann Minkowski in die Hände - über:

RAUM UND ZEIT

VORTRAG, GEHALTEN AUF DER 80. NATUR-FORSCHER-VERSAMMLUNG ZU KÖLN AM 21. SEPTEMBER 1908
(siehe https://wikisource.org/wiki/Raum_und_Zeit(Minkowski) externer Link, öffnet in einem neuen Fenster, angesehen am 13.01.2022)
Ehe ich einige Zitate aus dem Vortrag wiedergebe, möchte ich darauf verweisen, dass Helmut Minkowski nur wenige Monate nach diesem Vortrag, am 12. Januar 1909 im Alter von nur 44 Jahren verstorben ist.

Aus heutiger Sicht ist der Streit zwischen Palágyi und Einstein bzw. Minkowski (der ja in dem o. g. Jahr 1914 bereits verstorben war, also gar nicht mehr Stellung zu dem Vorwurf nehmen konnte) eher unwichtig.
Ein Blick in den Beitrag von Minkowsik zeig nämlich, dass es bei Palágyi wirklich eher um philosophische Überlegungen ging, während Minkowski sich mit geometrischen und physikalischen Aspekten dieses Raum-Zeit-Zusammenhanges befasst hat.
Er hat - egal, ob er diesen Anfangsgedanken nun geklaut oder selbst gedacht hat - die Gedanken, die sich bei Palágyi  finden, in genialer Weise weiter entwickelt.

Hier möchte ich nun jedoch anhand zweier Zitate zeigen, dass die Ausgangs-Gedanken beider bezüglich der Beziehung von Raum und Zeit nahe beieinander lagen.Die Anschauungen über Raum und Zeit, die ich Ihnen entwickeln möchte, sind auf experimentell-physikalischem Boden erwachsen. Darin liegt ihre Stärke. Ihre Tendenz ist eine radikale. Von Stund' an sollen Raum für sich und Zeit für sich völlig zu Schatten herabsinken und nur noch eine Arti Union von beiden soll Selbständigkeit bewahren. undWir wollen uns die Verhältnisse graphisch zu veranschaulichen scuhen. Es seien x, y, z rechtwinklige Koordinaten für den Raum, und t bezeichne die Zeit.  Gegenstand unserer Wahrnehmungen sind immer nur Orte und Zeiten verbunden. Es hat niemand einen Ort anders bemerkt als zu einer Zeit, eine Zeit anders als an einem Orte.Im weiteren Text veranschaulicht Minkowski diesen Zusammenhang genauer, indem er z. B. von der "Weltlinie" spricht:
"Die ganze Welt erscheint aufgelöst in solchen Weltlinien, ..."
Diese Vorstellungen werden sehr anschaulich erläutert und dürften für das Verständnis der Einsteinschen Relativitätstheorie von größter Bedeutung sein.

 
Anmerkung A
Schließlich habe ich es wiedergefunden in Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Bd. 2, S. 213 - in der Digitale Bibliothek, Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 14894 - der Text ist aus der Worterklärung für "Raum".
(siehe auch im Quellenverzeichnis - Eisler (1))

Seitenversion: erg. 22.02.2022
URL:  www.brunhild-krueger.de/gfp/gfp2-physik/gfp24-raumzeit/gfp240_raumzeit.html