LESESTOFF
SPRACHMISCHUNGEN
Aktuell erleben wir hier in Deutschland eine "Sprachmischung" der besonderen Art: immer mehr Wörter werden "anglifiziert": bei der Suche im Internet werden bevorzugt englischsprachige Seiten (nicht etwa französischsprachige oder italienischsprachige) angezeigt.
Die englische Sprache plustert sich dank Internet, Technik und Wissenschaft zur Weltsprache auf.
Das Deutsche ist eine "Mischsprache" geworden - man mischt deutsche und englische Wörter in einem Text, in einem Satz, mitunter sogar in einem zusammengesetzten Wort.
War früher das Latein die alle Länder Europas verbindende Sprache - zumindest für Theologen, Wissenschaftler und die geistige Ellite - verlor es mit der Herausbildung der Nationalstaaten im Zuge der Reformation seine Bedeutung.
Man legte Wert auf die national "eigenen" Sprachen.
Die "Sprache des Volkes" erfuhr - auch dank Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche - scheinbar eine Aufwertung. Denn es gab nach wie vor große Unterschiede zwischen der eigentlichen deutschen Volkssprache und der Sprache der Eliten. Das Volk sprach z. B. in Dialekten, die Elite hatte die deutsche Hochsprache hervorgebracht, die "gewählte" Ausdrucksweise. Man konnte an der Sprache erkennen, ob jemand aus dem Volk oder aus der Oberschicht kam.
Viele lateinische Wörter wurden "eingedeutscht".
Hier will ich ein besonderes Beispiel von Sprachmischung vorstellen: die Vermischung der deutschen und der sorbischen Sprache in der Region um Wittenberg.
Meine Quelle ist ein Buch aus dem Jahr 1935:
Aus dem Vorfläming
von Hermann Kappert Quelle.
aber auch meine eigene Sprache in der Kindheit.
Das Buch habe ich vor Jahren eingescannt und jetzt - mit dem 22.02.2026 - hier auch
als pdf ins Netz gestellt.
Dieses Buch hat kaum Spuren im Internet hinterlassen, ist nicht mehr antiquarisch zu erwerben.
Es war lange Zeit in meinem Besitz. Einmal hatte ich es für fast 10 Jahre an einen guten Freund verborgt, der durch dieses Buch inspiriert wurde, sich selbst mit Heimatgeschichte hier in der Wittenberger Gegend zu befassen.
Letztlich habe ich das Buch dem in Leetza gebliebenen Familienzweig überlassen.
Bezüglich der "Sprachmischungen" sind diese beiden Kapitel von besonderem Interesse.
9. Wie die Sorben deutsch wurden, Reste der sorbischen Sprache
(S. 55 - S. 60)
und
20. Die Sprache Leetzas (S. 130 - S. 141)
Heute will ich nur aus dem Kapitel 9 einige Textstellen zitieren.
Besonders hübsch finde übrigens ich die Schilderung des sorbischen Humors, wenn sie deutsch beten sollten.
Ich zitiere aus dem Text auf den Seiten 55 und 56
(Textbearbeitung - heutiger Rechtschreibung angepasst;
fette Hervorhebungen im Text von mir - B.K.)
So wohnten nun Sorben und Deutsche nebeneinander. Das Band, das sie hätte verbinden können, war das Christentum. In der Kirche waren sie ja alle gleich, nahmen sie doch am gleichen Gottesdienst teil. Der Gottesdienst hätte auch das zweite einende Band liefern können, die deutsche Sprache. Die Leute mussten zwar jeden Sonntag die Messe besuchen, von der sie aber nichts verstanden, da das meiste der gesungenen und gesprochenen Worte aus der lateinischen Sprache stammte; indes das ging den Sorben ebenso wie den Deutschen. Die Tatsache aber, dass der Geistliche deutsch war, genügte, um die deutsche Sprache als die vornehmere gelten zu lassen, als diejenige, die man erlernen müsse. Es wird allerdings berichtet, dass die Sorben, die viel Sinn für Allotria hatten, die deutschen Gebete, die sie erlernten, durch Worte aus ihrer Sprache oft im Sinn entstellten und daran viel Spaß gehabt hätten. Unter dem Bischof Rosco von Merserburg berichtet ein Geistlicher, dass die Wenden, die das Kyrieleison singen sollten, es spottenderweise in krja wolsa verdreht hätten, das bedeutet in ihrer Sprache = im Busch wächst eine Erle. Aber ganz gleich, im Laufe der Zeit lernten sie deutsch. Schon die heranwachsenden Kinder lernten im Umgang und im Spiel mit den deutschen Kindern die deutsche Sprache. Die erwachsenen Kinder dienten als Knechte und Mägde bei den Hüfnern und mussten sich ebenfalls der deutschen Sprache bedienen. ...
(auch Heiraten zwischen beiden Sprachgruppen werden erwähnt)
Damit war das Ende der selbständigen sorbischen Sprache gekommen. Freilich wurde die sorbische Sprache nicht vollständig verdrängt. In manchen Kossätenfamilien wurde sie noch bis zur Reformation gesprochen, und in einzelnen Wörtern und Wendungen lebt sie noch immer und gibt Zeugnis von ihrem früheren Bestande. Diese Wörter sind in die deutsche Sprache eingedrungen, sie sind eingedeutscht; aber nur der Kundige erkennt sie noch als Eindringlinge, wir brauchen sie, ohne es zu wissen, als deutsche Wörter. Im ganzen Osten, das ist in der Gegend östlich der Elbe, wo die Einwanderung der Bauern aus dem Westen erfolgte, und die wendische Bevölkerung sitzen blieb, spricht man diese mit wendischen Wörtern gemischte Sprache, nicht aber im Westen und Süden Deutschlands. (In manchen Gegenden, wo die Wenden zu dicht saßen und nicht mit Deutschen gemischt wurden, z. B. im Spreewald und in der Lausitz, behauptete sich die wendische Sprache und wird heute noch neben der deutschen gesprochen.)