| Die Veranstaltung mit Dorothee Sölle am 22. September 2001 in der Evangelischen Akademie Wittenberg - aus meinen Notizen von damals |
| Mystik und Wirklichkeit |
Im allgemeinen wird Mystik als eine Innenschau, als Weltabgewandtheit, zumindest aber als ein gewisser Realitätsverlust für denjenigen gesehen, der sich mit ihr befaßt. Ich glaube, die Notizen von dieser Veranstaltung zeigen das genaue Gegenteil -
Mystik als Grundlage für eine neue Sicht und Einflußnahme auf unsere alltägliche Wirklichkeit: |
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| Zufall? |
Nur zufällig, am ersten Tag eines kostenlosen Probeabos der "Mitteldeutschen Zeitung", erfuhr ich am 21. 9. 2001 von der Veranstaltung mit Dorothee Sölle. Familie Beyer kam mit (und nahm mich mit) – und wir gingen zu dem Vortrag 17.00 Uhr zum Thema Arbeit:
" Es ist verwerflich, nicht zu tun" |
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| erster Eindruck |
Erstaunt war ich dann doch, als sie den Raum betrat, denn sie war eine sehr kleine Frau, kleiner als 1,60 m. Um so mehr ist ihr Mut, ihre Courage, ihr rücksichtsloses Eintreten für das, was sie für wahr hält, zu bewundern. "Rücksichtslos" meint nicht "rücksichtslos gegen andere Menschen", sondern, daß sie rücksichtslos gegenüber möglichen Folgen für ihre Person nur das tat und sagte, was sie für richtig hielt.
Ich wußte, daß Frau Sölle zu diesem Zeitpunkt ebenfalls - so wie ich - Mitglied der damals noch existierenden "Gesellschaft zur Förderung des christlich-marxistischen Dialogs" war und sprach sie darauf an. Es verwunderte sie ein wenig, daß es in Wittenberg ein Mitglied dieser Gesellschaft gab. |
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| Aus den Notizen von damals: |
Zu Beginn liest sie Gedichte von Camisso und Kästner
„Das Riesenspielzeug“ – von dem Riesenmädchen, das den Bauern als Spielzeug sieht,
dann von den Arbeitslosen und deren Frage nach den Sinn des Lebens, dem Lebensinhalt.
Die Riesen heute benennt sie: Weltbank, IWF, World Trade Organisation und andere.
Sie sieht die Weltbevölkerung im Verhältnis 20 : 80 in reich-arm geteilt
wobei die 80 als nicht produzierend und nicht konsumierend die Frage aus marktwirtschaftlicher Sicht aufwerfen, wozu sie da seien,
sie sagt:
„Die Ökonomie wird immer totalitärer.“
Sie schildert Erlebnisse aus ihrem Bekanntenkreis, wie in Genua (Treffen der Weltmächte) friedliche Demonstranten schikaniert wurden und sagt: „So müssen sich die Weltbesitzer heute schützen lassen!“
Sie erwähnt, daß die Opposition auf gewaltätig „umfunktioniert“ wird, erwähnt kurz die Tricks, mit denen Leute in die friedlichen Demos eingeschmuggelt werden usw.
Dann nennt sie eine Organisation „Attac“ (von der ich in diesem Augenblick zum ersten Mal etwas höre), die sich gegen diese Machenschaften wendet, in der sie und auch Oskar Lafontaine Mitglieder sind.
Dann spricht sie über die Zerstörung der Erwerbsarbeit:
- diese kann zu einem neuem, befreienden Verständnis von Arbeit werden
- fragt:
Welche Arbeit wollen wir?
und
Sind Erwerbslose auch immer arbeitslos?
- sie sagt:
Arbeit muß neu definiert werden, nicht nur über Gewinn.
- sie
bezieht die menschliche Arbeit auf das Reich Gottes:
Man muß die Mensch als Mitschöpfer sehen, entfremdete Arbeit beseitigen
Sie ist nicht fein in ihren Formulierungen, spricht von „schwachsinniger Fließbandarbeit“, von der neuen Arten von Sklaverei, von den „Textilsklaven“, "Sexsklavinnen" usw.
Sie meint, wir sollten uns immun machen gegen eine der wichtigsten Immunschwächen:
die Gleichsetzung von Arbeit mit bezahlter Arbeit
von der Kopplung Arbeit - Geld
wir sollten lieber koppeln
Arbeit und Schöpfung
und meint damit eine Arbeit, die
in sich selbst sinnvoll,
lebenserhaltend ist.
Sie spricht von der Entleerung des Sinngehaltes der Arbeit, von der "Arbeit als Ware" und sagt:
"Der Kapitalismus nimmt den Menschen die Würde der Arbeit weg." |
Die "Arbeit als Ware" - das ist ein Begriff von Karl Marx und sie, die Mystikerin, verwendet auch später noch mehrmals dessen Terminologie) |
| Der Gebrauchs-Wert und die Schönheit der Arbeit |
Sie bringt die Menschenrechte mit dem Recht auf Arbeit in Verbindung, dem Menschenrecht, das nicht durchgesetzt wird.
An der Lohnarbeit kritisiert sie, daß der Mensch durch sie "käuflich und fremdbestimmt" ist.
Der Profit zerstört das menschen- und umweltfreundliche Verhältnis zum Produzierten. Sie
spricht nun bewußt die von Marx vorgenommene Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert an:
Die Produkte werden nicht unter dem Gesichtspunkt Gebrauchswert bzw. Bedürfnisbefriedigung betrachtet, z. B. dem Gebrauchswert „Freude“. Als gebrauchswertorientierte Arbeit nennt sie die Tauschringe.
Das Wort „Theopoesie“ höre ich an diesem Abend zum ersten Mal: sie nennt es „Verrückt nach Licht“ oder den " Traum von der menschlichen Arbeit".
Schönheit ist ihrer Auffassung nach Arbeit, die andere vor uns getan haben.
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Sie meinte wohl, daß die Durchsetzung des Rechts auf Arbeit vor allen anderen Menschenrechten steht. Aber so genau kann ich das aus meinen Notizen nicht mehr erkennen. |
| Drei Aspekte der Arbeit |
1. Arbeit als Selbstausdruck
Das utopische Potential des christlichen Glaubens liegt in seiner Vorstellung von produktiver Arbeit:
Sie verweist auf
Ernesto Cardenal: Schaffen als Mitteilen.
2. soziale Beziehungshaftigkeit
3. Versöhnung mit der Natur
Der Sinn der Arbeit in ihren drei Dimensionen (Aspekten) liegt darin:
man schafft, was man braucht: das Gute, das bereichert.
Es geht um die Einheit der materiellen und der spirituellen Bedeutung der Arbeit.
Nebenbei erwähnt sie, wie schlimm sie das Wort „Hobby“ für eine Arbeit empfindet, die nicht bezahlt wird. Sie setzt dem als positiven Wert das Wort
„Selbstverwirklichung“ und soziale Beziehung entgegen.
Dann spricht sie von einem
„sanften Land . . . wo niemand mehr töten lernt“
und
„Ich will in dem sein, was ich mache.“ , etwas tun, was gebraucht wird - die Arbeit als sozialer Bezug: MIT-Arbeit, Gebrauchtwerden als elementares Bedürfnis.
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Ich glaube, sie wollte mit dieser Gegenüberstellung von Hobby und Lohnarbeit auch sagen, daß es eine Lösung geben muß, in der diese Trennung in diese beiden Bereiche aufgehoben wird - ihre Auffassung von Arbeit wäre dafür wohl die beste Basis.
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