www.brunhild-krueger.de  -  Startseite   »  Namen » 
08. 05. 2009
Hexe
Weibliches Wissen, Denken und Erkennen
Stationen eines "eigen-willigen" Erkenntnisweges
Startseite Einladung Inhalt Neues Namen A - Z
Die Physikerin Selbst denken männl. + weibl. Fridolin Die weise Alte Das Klatschweib
Sölle, D.
 


Namen  und einzelne Quellen
Dorothee Sölle - feministische Theologin und moderne Mystikerin

Dorothee Sölle - sie lebte von 1929 bis 2003 - war eine außergewöhnliche Frau.  Auf einer Veranstaltung der Evangelischen Akademie hier in Wittenberg im Jahr 2001 lernte ich sie persönlich kennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits lange über Karl Rahners Ausspruch "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder es wird keinen Christen mehr geben." nachgedacht und ihr Buch "Mystik und Widerstand" gelesen. Auch sie identifizierte sich mit dieser Aussage.
Damals lebte ich auf dem Dorf,  15 km entfernt von Wittenberg und ohne Auto und abendlichen öffentlichen Nahverkehr. Einen Tag  zuvor erst hatte ich aus der Zeitung erfahren, daß sie nach Wittenberg kommen würde. So bat ich Bekannte, Pfarrer im Ruhestand, ob sie nicht zu der Veranstaltung fahren und mich mitnehmen könnten. Es klappte.

An diesem Abend hatte ich ihr Buch mitgenommen und von ihr auch ein Autogramm bekommen:
"Mit den drei guten Wünschen von S. 370"
hatte sie noch dazu geschrieben.
Sie lauten :

"Das Bild vom Leben spricht in schöner mystischer Übertreibung und zugleich durchaus realistisch von drei Qualitäten, die allen offenstehen:
     - grenzenlos glücklich,
     - absolut furchtlos,
    - immer in Schwierigkeiten."


In meinem Besitz ist die 1. Auflage 1997, erschienen bei Hoffmann und Campe Hamburg.
ISBN 3 - 455 - 08583 - 0

Das Buch hat 383 Seiten.

Heute, am 8. Mai 2009, will ich dieses Buch lediglich erwähnen. Es ist zu umfangreich, zu intensiv in seinen Gedanken, als daß ich mit wenigen Worten auch nur das wichtigste davon sagen könnte.

Der  vielleicht wichtigste Gedanke aus diesem Buch ist das Wissen um die Einheit aller Menschen.

Um die mystische Erkenntnisebene verstehen zu können, benötigt man eine völlig andere Denkweise und eine völlig andere Sprache als die unseres Alltags und natürlich erst recht eine gegenüber der Denkweise der Wissenschaft völlig andere Art des Denkens.
Umschlagbild des Buches MYSTIK UND WIDERSTAND
Daher ist es nicht so leicht, dieses mystische Wissen und den Sinn dieses Wissens einfach und kurz zu beschreiben. In diesem Buch gibt es eine sehr anschauliche und verständliche Einführung in mystisches Denken und Sprechen.

Diese Sprache lebt von der Verbindung der Gegensätze
: das "bitter-süß", inzwischen leidlich verkitscht,  ist ein Beispiel dieser mystischen  Ausdrucksweise.

Ich werde es irgendwann einmal versuchen, einige  Gedanken aus dem Buch im einzelnen vorzustellen. Denn ich möchte gern viele anregen, dieses Buch selbst zu lesen.
Heute will ich nur   ein wenig über  die damals besuchte Veranstaltung schreiben. Ich habe die Notizen bewußt nur leicht bearbeitet und gekürzt. Es wäre machbar gewesen, sie in einen fortlaufenden Text über Arbeit umzuwandeln, aber das wäre auch nur  eine sinngemäße Wiedergabe geworden. Indem ich bewußt nur die nackten Notizen schreibe, gebe ich - glaube ich - ihre Gedanken authentischer wieder.

Wer sich ausführlicher über das Leben und das Lebenswerk von Frau Sölle informieren will, dem empfehle ich die Webseite www.dorothee-soelle.de, die ein Herr Hinrich Olsen betreibt.

Die Veranstaltung mit Dorothee Sölle am 22. September 2001 in der Evangelischen Akademie Wittenberg - aus meinen Notizen von damals
Mystik und Wirklichkeit
Im allgemeinen wird Mystik als eine Innenschau, als Weltabgewandtheit, zumindest aber als ein gewisser Realitätsverlust für denjenigen gesehen, der sich mit ihr befaßt. Ich glaube, die Notizen von dieser Veranstaltung zeigen das genaue Gegenteil - Mystik als Grundlage für eine neue Sicht und Einflußnahme auf unsere alltägliche Wirklichkeit:
 
Zufall?
Nur zufällig, am ersten Tag   eines kostenlosen Probeabos der "Mitteldeutschen Zeitung", erfuhr ich am 21. 9. 2001 von der Veranstaltung mit  Dorothee Sölle. Familie Beyer kam mit (und nahm mich mit) – und wir gingen zu dem Vortrag 17.00 Uhr  zum Thema Arbeit:

         " Es ist verwerflich, nicht zu tun"
 
erster Eindruck
Erstaunt war ich dann doch, als sie den Raum betrat, denn sie war eine sehr kleine Frau, kleiner  als 1,60 m. Um so mehr ist ihr Mut, ihre Courage, ihr rücksichtsloses Eintreten für das, was sie für wahr hält, zu bewundern. "Rücksichtslos" meint nicht  "rücksichtslos gegen andere Menschen", sondern, daß sie rücksichtslos gegenüber möglichen Folgen für ihre Person nur das tat und sagte, was sie für richtig hielt.

Ich wußte, daß Frau Sölle zu diesem Zeitpunkt ebenfalls - so wie ich - Mitglied der damals noch existierenden "Gesellschaft zur Förderung des christlich-marxistischen Dialogs" war und sprach sie darauf an.  Es verwunderte sie ein wenig, daß es in Wittenberg ein Mitglied dieser Gesellschaft gab.
 
Aus den Notizen von damals:
Zu Beginn liest sie Gedichte von Camisso und Kästner
„Das Riesenspielzeug“ – von dem Riesenmädchen, das den Bauern als Spielzeug sieht,
dann von den Arbeitslosen und deren Frage nach den  Sinn des Lebens, dem Lebensinhalt.

Die Riesen heute benennt sie: Weltbank, IWF, World Trade Organisation und andere.

Sie sieht die Weltbevölkerung im Verhältnis 20 : 80 in reich-arm geteilt
wobei die 80 als nicht produzierend und nicht konsumierend die Frage aus  marktwirtschaftlicher Sicht aufwerfen, wozu sie da seien, sie sagt:
      „Die Ökonomie wird immer totalitärer.“

Sie schildert Erlebnisse aus ihrem Bekanntenkreis, wie in Genua (Treffen der Weltmächte) friedliche Demonstranten schikaniert wurden und sagt: „So müssen sich die Weltbesitzer heute schützen lassen!“
Sie erwähnt, daß die Opposition auf gewaltätig „umfunktioniert“ wird, erwähnt kurz die Tricks, mit denen Leute in die friedlichen Demos eingeschmuggelt werden usw.
Dann nennt sie eine Organisation „Attac“ (von der ich in diesem Augenblick zum ersten Mal etwas höre), die sich gegen diese Machenschaften wendet, in der sie und auch Oskar Lafontaine Mitglieder sind.
Dann spricht sie über die Zerstörung der Erwerbsarbeit:
-  diese kann zu einem neuem, befreienden Verständnis von Arbeit werden
- fragt:
        Welche Arbeit wollen wir?
und
        Sind Erwerbslose auch immer arbeitslos?
- sie sagt:
        Arbeit muß neu definiert werden, nicht nur über Gewinn.
- sie bezieht  die menschliche Arbeit auf das Reich Gottes:
      Man muß die Mensch als Mitschöpfer sehen, entfremdete Arbeit beseitigen
Sie ist nicht fein in ihren Formulierungen, spricht von „schwachsinniger Fließbandarbeit“,  von der neuen Arten von Sklaverei, von den „Textilsklaven“, "Sexsklavinnen" usw.

Sie meint, wir sollten uns immun machen gegen eine der wichtigsten Immunschwächen:
            die Gleichsetzung von Arbeit mit bezahlter Arbeit
            von der Kopplung Arbeit  - Geld
wir sollten lieber koppeln
            Arbeit  und Schöpfung
            und meint damit eine Arbeit, die in sich selbst sinnvoll,
            lebenserhaltend ist.


Sie spricht von der Entleerung des Sinngehaltes der Arbeit, von der "Arbeit als Ware" und sagt:
"Der Kapitalismus nimmt den Menschen die Würde der Arbeit weg."

Die "Arbeit als Ware" - das ist ein Begriff von Karl Marx und sie, die Mystikerin, verwendet auch später noch mehrmals dessen Terminologie)
Der Gebrauchs-Wert  und die Schönheit der Arbeit

Sie bringt die Menschenrechte  mit dem Recht auf Arbeit in Verbindung, dem Menschenrecht, das nicht durchgesetzt wird.
An der Lohnarbeit kritisiert sie, daß der Mensch  durch sie "käuflich und fremdbestimmt" ist.
Der Profit zerstört das menschen- und umweltfreundliche Verhältnis zum Produzierten. Sie spricht nun bewußt die von Marx vorgenommene Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert an:
Die Produkte werden nicht unter dem Gesichtspunkt Gebrauchswert bzw. Bedürfnisbefriedigung betrachtet, z. B. dem Gebrauchswert „Freude“. Als gebrauchswertorientierte Arbeit nennt sie die Tauschringe.

Das Wort „Theopoesie“ höre ich an diesem Abend zum ersten Mal: sie nennt es „Verrückt nach Licht“ oder den " Traum von der menschlichen Arbeit".
Schönheit ist ihrer Auffassung nach Arbeit, die andere vor uns getan haben.

Sie meinte wohl, daß die Durchsetzung des Rechts auf Arbeit vor allen anderen Menschenrechten steht. Aber so genau kann ich das aus meinen Notizen nicht mehr erkennen.
Drei Aspekte der Arbeit

1. Arbeit als Selbstausdruck
Das utopische Potential des christlichen Glaubens liegt in seiner Vorstellung von produktiver Arbeit:
Sie verweist auf Ernesto Cardenal: Schaffen als Mitteilen.
2. soziale Beziehungshaftigkeit
3. Versöhnung mit der Natur

Der Sinn der Arbeit in ihren drei Dimensionen (Aspekten) liegt darin:
man schafft, was man braucht: das Gute, das bereichert.
Es geht um die Einheit der materiellen und  der spirituellen Bedeutung der Arbeit.

Nebenbei erwähnt sie, wie schlimm sie das Wort „Hobby“ für eine Arbeit empfindet, die nicht bezahlt wird. Sie setzt dem als positiven Wert das Wort „Selbstverwirklichung“ und soziale Beziehung entgegen.

Dann spricht sie von einem
„sanften Land . . . wo niemand mehr töten lernt“
und
„Ich will in dem sein, was ich mache.“ , etwas tun, was gebraucht wird - die Arbeit als sozialer Bezug: MIT-Arbeit, Gebrauchtwerden als elementares Bedürfnis.
...











Ich glaube, sie wollte mit dieser Gegenüberstellung von Hobby und Lohnarbeit auch sagen, daß es eine Lösung geben muß, in der diese Trennung in diese beiden Bereiche aufgehoben wird - ihre Auffassung von Arbeit  wäre dafür wohl die beste Basis.
nach oben
www.brunhild-krueger.de / Namen / Dorothee Sölle