Als Wissenschaftlerin liebe ich die exakte Ausdrucksweise, die innere Logik, die eindeutigen Definitionen und klaren Begriffe der Wissenschaftssprache.
So eine Sprache will wie jede andere Sprache gelernt und gepflegt werden.
Man kann als Wissenschaftler nicht erwarten, daß ein Außenstehender sie so einfach versteht und man kann als Außenstehender genauso wenig erwarten, daß man diese Sprache ohne intensives Lernen verstehen kann.
Ein guter Wissenschaftler sollte also auch in der Lage sein, eine dem Zuhörer angepaßte Sprache zu verwenden, wenn er etwas darstellen will. Er sollte in der Lage sein, Wissenschaftssprache und Alltagssprache zu verknüpfen, auf das vorhandene Wissen des Gesprächspartners einzugehen,
"anschaulich" zu erklären. Dazu gehört auch, den Laien nicht mit einer Fülle unbekannte Fremdwörter zuzuschütten.
Viel Unsinn passiert zur Zeit in den sogenannten "Wissenschaftskritiken" und auch in der Wissenschaft selbst aus einem einzigen Grund: weil Begriffe des Alltags und der Wissenschaftssprache vermischt werden, weil wissenschaftliche Begriffe nicht verstanden wurden und dann nur abstrakt nachgeplappert werden, voller Stolz, daß man sich so "schlau" ausdrücken kann.
Viele unnötige Streitigkeiten geschehen, viel "böses Blut" fließt, weil unklare Begriffe, Doppeldeutigkeiten, unzulässige Verallgemeinerungen usw. eine wissenschaftliche Aussage in ein dummes Gelaber verwandeln.
Auf dieser Seite will ich also nicht über die einem Laien oft unverständliche Wissenschaftssprache allgemein lästern, sondern nur über solche Fälle, in denen diese Sprache verhunzt wird. Es gibt natürlich auch Beispiele, da kann ein Wissenschaftler sich gar nicht anders ausdrücken, doch dem Laien erscheint der Text urkomisch. Auch an solchen fällen soll es in dieser am 1. 5. 2009 begonnenen Sammlung nicht fehlen.
Ein erstes Beispiel für die exakte, aber trotzdem komisch wirkende Wissenschafts-Sprache ist das folgende:
"Zum Herzen sprechen. Eine Studie zum imputativen Aspekt in Martin Luthers Rechtfertigungslehre und zu seinen Konsequenzen für die Predigt des Evangeliums"
Das ist (laut MZ* vom 20. September 2008, S. 13
) der Titel einer Habilitationsschrift, die mit dem Preis der Luther-Gesellschaft für das Jahr 2008 ausgezeichnet wurde. Der jährlich vergebene Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist mit 5000 Euro dotiert.
In diesem Beispiel scheitert der Durchschnitts-Leser vermutlich am "imputativen Aspekt". Daher habe ich im Fremwörterbuch** nachgeschlagen und biete einen kleinen Auszug aus dem dortigen Text:
Imputatibilität
Zurechnungsfähigkeit, geistige Gesundheit (Med.)
Imputation
1. von Luther bes. betonter Grundbegriff der christl. Rechtfertigungs- u. Gnadenlehre, nach der dem sündigen Menschen als Glaubendem die Gerechtigkeit Christi angerechnet und zugesprochen wird.
2. (veraltet) [ungerechtfertigte] Beschuldigung
* siehe Quellen / MZ
**siehe Quellen / Duden - Du5 |