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20. 10. 2009
Hexe
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Das alte Klatschweib
Aufs Maul schauen - die Sprache des Beamten

Nein, die "Rache des kleinen Mannes" (bzw. der Frau) soll das nicht werden. Auch wenn das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht schon in der Erinnerung an Beamtendeutsch-Texte mir die Haare zu Berge stehen läßt und ich mich wie unter Folter gesetzt fühle - die Sammlung, die ich hier beginne, soll nicht einfach die "beamtische" Sprache ironisch-spaßig spiegeln. Sie ist sozusagen nur die öffentlich dargestellte Vorarbeit für eine Studie, die Denk- und Sprechweise des deutschen Beamten besser verstehen zu lernen.

Mir ist durchaus verständlich, warum ein Beamter gezwungen ist, solche Sprachungetüme zu verwenden. Die natürliche Mehrdeutigkeit einer lebendigen Sprache läßt Spielraum für Interpretationen und Sprachspielereien. Davor muß ein Beamter sich schützen. Was er schreibt, muß eindeutig und unanfechtbar sein, "klagesicher" sozusagen.

Die beamtischen Wortschöpfungen gehen auf das Kerbholz   einiger weniger Verursacher bzw. Beamtendeutsch-Ausdenker. Die Zahl der gezwungenermaßen sie berufsmäßig anwenden Müssenden geht in die Tausende. Die Zahl derer, die mit dieser Sprache konfrontiert werden und sie im Normalfall nicht verstehen, geht in die Millionen.

Trotzdem ist eine Art "Resonanz-Effekt" zu beobachten:
Menschen lieben es offenbar, auch in Situationen, in denen dieses Beamtendeutsch nicht verwendet werden muß, sich in dieser Sprache auszudrücken.
Wenn ich mit dieser Sammlung ein wenig fortgeschritten bin, will ich versuchen, ob ich anhand der Beispiele herausbekommen kann, warum Menschen das tun:
Ist es versteckte Ironie oder nur dummes, gedankenloses Nachplappern? Ist es eine Art "Sucht" oder "Lust", die diese Deformierung der Sprache auslöst, so ähnlich, wie  es die Lust eines Masochisten daran ist, geschlagen und gedemütigt zu werden? Oder ist es staatsbürgerlicher vorauseilender Gehorsam des Untertanen, der sich bei Vorgesetzten bzw. bei der Obrigkeit anbiedert, indem er deren Sprache spricht?

Zu den Quellenangaben: ausführlichere Informationen siehe Quellen
Der Anfang der Sammlung:
1. Text "Die Baumaßnahmen sind auf der Prioritätenliste nach hinten gerutscht."
und
"Es kommt eine Menge auf den Prüfstand."
gefunden in der MZ vom 20. 09. 2008, S. 13
das meint Die Sanierung des Schulgebäudes, um das es hier geht, "ist auf Eis gelegt".  
Kommentar
Gut, auch die Erklärung ist kein so schönes Sprach-Bild. Was aufs Eis gelegt wird, soll länger halten. Ein Gebäude, das saniert werden soll, wartet nicht - es zerfällt immer schneller.
In diesem Fall handelt es sich um das mehr als 100 Jahre alte Gebäude des alten Melanchthon-Gymnasiums. Die Schule  - wunderbar vereint mit dem Luthergymnasium zum "Luther-Melanchthon-Gymnasium" befindet sich jetzt  ausschließlich in der "Hundertwasser-Schule". Das ist ein Gebäude, das mit Millionenaufwand aus einer DDR-Neubau-Typenschule  (Baujahr 1974) rekonstruiert wurde und ständig neue Summen an Sanierungskosten verschlingt. Das alte Gebäude - ein herrlicher Backsteinbau - wird dringend benötigt für die schulischen Aufgaben.
Wenn dessen Sanierung "nach hinten gerutscht" ist, dann kann man logisch schlußfolgern, daß andere Projekte "nach vorn gerutscht" sind. Welche das sind, verrät die Zeitung nicht.

Das Bild gaukelt vor, daß es sozusagen unbeeinflußbare Prozesse sind - etwas "ist gerutscht" bedeutet, daß es eher von allein oder aus Versehen geschehen ist.

Ich gebe zu, dieses Einstiegsbeispiel ist kein typisches für Beamten-Deutsch. Mir gefiel nur die Denkweise: man gibt eine Begründung, die keine ist, die nichts erklärt: früher sagte man noch "auf die lange Bank schieben" dazu.

Eines ist abzusehen: wenn die Behörden weiter in diesem Zustand verharren, löst sich das Problem von allein. Dann gibt es nichts mehr, das saniert werden könnte.
 
2. Text
Im Zusammenhang  mit dem Fund toter Schafe in unserem Landkreis und der Forderung nach schneller Reaktion der Behörden kam es laut Aussage von Herrn R. Gauert, Pressesprecher im Landratsamt zu "Kommunikationsproblemen unter Behörden."
gefunden in der MZ vom 10. 04. 2009, S. 11, Hervorhebung von mir - B. K.
Bemerkung
In diesem Fall ging es nicht eigentlich um die Sprache selbst, sondern um die Kommunikationswege und die Zuständigkeiten für den Eingang von Informationen und das Auslösen von Aktivitäten im Ergebnis dieser Informationen.
Zu deutsch: die Behörden stritten ein bißchen herum, wer eigentlich zuständig sei und sofort reagieren müßte.  Die Bürgerin, die den Fund gemacht hatte, hatte eine Behördenstelle informiert, von dort war sie ans Veterinäramt des Kreises verwiesen worden, hatte dort niemanden erreicht. Der Presse gegenüber sprach sie von "Seuchengefahr" und im Kommentar meint der MZ-Mitarbeiter  Michael Hübner, so ein Wort müsse doch die  "Verwaltung in  Alarmbereitschaft versetzen. Es könne um Minuten gehen." Weiter im Zeitungs-Text:
"In aller Ruhe wird die erste deutsche Beamtenpflicht erfüllt und die Zuständigkeit geprüft."
Kommentar ebenda S. 12
PS
Dieses Beispiel ist ein allgemeines Problem der Informationsgesellschaft: angesichts der überquellenden Informationsmengen ist der durchschnittliche zeitliche Aufwand, eine gesuchte Information zu bekommen, inzwischen höher als die Zeit der Informations-Verarbeitung. Andersherum droht offenbar die Suche nach dem geeigneten Empfänger ebenfalls zu einem Zeitproblem zu werden.
Es ist an der Zeit, grundsätzlich und öffentlich über diese Probleme nachzudenken.
 
3. Text
Unter der Überschrift:
"Schließung der Kfz-Zulassungsbehörde am 21. 09. 2009" berichtet das hiesige Amtsblatt:
"Am 21. September 2001 (gemeint ist natürlich das Jahr 2009, aber um diesem Fehler geht es hier nicht) findet die bundesweite stichtagsbezogene Wirkbetriebsaufnahme der 2. Stufe der Fahrzeugzulassungsverordnung durch das Kraftfahrt-Bundesamt statt."
gefunden im Amtsblatt* vom 12. 09. 2009,  S. 2

siehe Quellen
Kommentar
Was ist eine "Wirkbetriebsaufnahme"? Diese Verknüpfung dreier Substantive ist oft mehrdeutig: Wirk-Betriebsaufnahme oder Wirkbetriebs-Aufnahme sind denkbar. Der Sinn des Wortes erschließt sich dem Laien nicht von selbst. Will er also wissen, was damit gemeint ist, benötigt er Zusatzinformationen.
Daß es um die Schließung nur an diesem einem Tag und nicht um die generelle Schließung der Kfz-Zulassungsbehörde geht,  wurde mir erst beim Lesen des Text-Ungetüms klar. Auch die Überschrift war also mehrdeutig.
Eine Überschrift"Kfz-Zulassungsbehörde bleibt am 21. 09. 2009 geschlossen" hätte mir Zeit gespart, da mich die Begründung, warum diese Behörde an diesem Tag nicht geöffnet hat, nicht weiter interessierte. Damit wäre mir ein echter Leckerbissen für diese Seite hier entgangen.
 
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