Im Predigerseminar Wittenberg finden sonntags Vorlesungen für die Öffentlichkeit statt, immer von Januar bis Juni und einmal im Monat. Am 22. Juni 2008 ging es um das Toleranzverständnis bei Lessing, um die Ringparabel in "Nathan, der Weise".
Eigentlich hatte ich etwas anderes erwartet, inhaltliches. Denn diese kleinkarierte Suche danach, wann und wo Lessing das Wort "Toleranz" oder "tolerant" in seinen Schriften direkt verwendet, war unbedeutend gegenüber der inhaltlichen Botschaft dieser wunderbaren Ringparabel. Ja, es ging auch um Toleranz, die schnell zur Intoleranz wird, es ging um die Geschichte des Toleranzbegriffes, der immer beinhaltete, daß die Andersdenkenden zur Wahrheit desjenigen finden, der glaubt, die alleinseligmachende zu besitzen und der die Wahrheiten der anderen "erdulden" muß. Der also daran leidet, daß andere anderes für die Wahrheit halten. Ein bis heute brisantes Thema.
Doch die Zeit eilte davon,
so blieb die eigentliche Frage, die Botschaft der Ringparabel für die Gegenwart, unbeantwortet.
Das Thema ausführlich darzustellen, ist nicht mein Anliegen. Denn es gab eine wunderschöne Episode beim Hinausgehen, sozusagen der Praxistest des zuvor Gesagten und des Nicht-Gesagten. Ich sprach einen sehr, sehr netten Menschen, Mitglied der SPD, an, wollte wissen, wie er dazu stünde, daß die "Denkfabrik" der SPD mit Mitgliedern der LINKEN gesprochen hatte. Das hatte ja ziemliche Aufruhr in der SPD erzeugt: daß da Genossen wagen, mit Parteimitgliedern der LINKEN zu
REDEN.
Ich fragte also, wieso es in einer Demokratie so empörend sei, miteinander zu reden, ob es für diese nicht sogar äußerst wichtig sei, dieses Gespräch über Parteigrenzen hinweg.
Doch mein ansonsten immer nette und sanfte Gesprächspartner wurde auf einmal ganz böse und wütend: auf die LINKEN sowieso, die aus der Opposition heraus solche schlimmen Vorschläge machen. Das konnte er natürlich nicht tolerieren.
Vor allem konnte er nicht tolerieren, daß Genossen der SPD mit ihnen geredet hatten. Man wird solche Meinungen wie die seine noch lange tolerieren,
dulden, ertragen, aushalten müssen.
Denn die Zeichen der Zeit sehen wohl schon etwas anders aus (siehe 5.).