Eigentlich habe ich mich damals - 1993 - nur über die Kennzeichnung meiner billigen Kassenbrille mit „McPenny"* geärger, empfand das als Verhöhnung der ärmeren Kassenpatienten. Aus diesem Ärger entstand die folgende Geschichte. Übrigens, der „Dreckskerl" und das „sorgfältig weggeätzt" waren ein besonderes Vergnügen beim Schreiben.
„An ihren Brillen sollt Ihr sie erkennen !“ Das war ein Satz aus der Lehrzeit, und der Optiker, Herr Linse, beachtete ihn wohl.
Meist sah er schon auf den ersten Blick, ob ein zahlungskräftiger Kunde vor ihm stand oder ein armes Schwein.
Mitunter wurde es schwierig, da dreckige und kaputte Jeans selbst manchem Millionärssöhnchen als durchaus standesgemäß erschienen. Aber - siehe oben - da half der Rat des Lehrmeisters: trug der Sproß des reichen Papa eine gute, also teure Brille, konnte er seine Herkunft nicht mehr verleugnen. Nun ist man ja als selbständiger Optiker mehr als acht Stunden täglich beschäftigt, denn nach der Ladenöffnungszeit von 9 Stunden bleibt noch eine Menge Arbeit: Abrechnungen, Bestellungen, Aufräumen, Einräumen usw. Jemanden einstellen kann Herr Linse nicht, das wirft das Geschäft nicht ab. Manchmal hilft die Frau, aber das geht auch nicht immer, bei drei Kindern.
So hat Herr Linse keine Zeit, sich in Ruhe einen Film anzusehen, ein Buch zu lesen oder einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Tut er es, tut er es mit schlechtem Gewissen. Manchmal kriecht Wut in ihm hoch: viel bringt das Geschäft nicht - nur viel Streß den ganzen Tag. Einmal machen, was er will, das kann er nicht. Dann vergleicht er sich mit den Arbeitslosen, die haben fast so viel Geld wie er. Wenn er rechnet, was pro Kopf bei seiner Familie rauskommt, dann sind das höchstens 200 Mark mehr für jeden als diese Sozialhilfeempfänger fürs Nichtstun bekommen.
Doch die haben wenigstens keine solche Angst wie er: denn wenn die Konkurrenz stärker wird, muß er seinen Laden zumachen. Dann ist alles futsch, was er ins Haus gesteckt hat. Dann muß er es verkaufen, ehe sie es beziehen können. Er wagt nicht, an diese Möglichkeit zu denken.
Jedenfalls kriecht die Wut in ihm hoch und er denkt: „Die (die Arbeitslosen) sind wenigstens ausgeruht, machen sich einen schönen Tag und leben auf unsere Kosten!"
Indes, ich schweife ab. Es ging ja eigentlich um die Menschenkenntnis des Optikers Linse. Er hat also keine Zeit, ist bei vielen Dingen nicht auf dem Laufenden, z.B. was die Kunst betrifft. Ein paar aktuelle Namen kennt er sicher, das verlang schon der Service am Kunden, denn die wollen ja auch unterhalten sein. Doch Kunst-Genuß kann man das nicht nennen - ist halt alles eine Zeitfrage.
Man stelle sich vor, einer dieser reichen jungen Leute, die vor Langeweile nicht mehr wissen, was sie machen sollen, kommt auf einen ganz besonderen Flitz: Er geht zu einem großen Künstler und sagt: „Mach mir mal aus der Brille hier was ganz besonderes." Und der große Künstler nimmt dann das Kassenmodell, das sich der junge Kunstliebhaber organisiert hat, und setzt auf das Gestell links oben einen olivgrünen Punkt und daneben noch einen kleinen zyanblauen Strich. Dann wischt er seinen linken kleinen Finger, an dem noch etwas Magenta hängt, am Gestellteil unter dem rechten Brillenglas ab.
Die Brille ist nun gut und gerne ihre zehntausend Mark wert. Aber wie soll der Optiker das erkennen?
Als der junge Mann mit der wertvollen Brille das Optiker-Geschäft von Herrn Linse betritt, denkt dieser bloß: „Da kommt ja wieder so ein Dreckskerl, der seine Brille nicht richtig geputzt hat." Von oben herab fragt er: „Was wollen Sie?" - es klingt wie: „Was haben Sie in meinem Geschäft zu suchen?" Der junge Mann reicht ihm die Brille und fragt scheinheilig: „Können Sie mir die putzen?" Der Optiker ist empört, da sieht er zufällig das Innere des Brillenbügels und fällt in Ohnmacht: Das Zeichen der Kassenbrille („McPenny“) ist sorgfältig weggeätzt und das Signum des großen Künstlers ist zu erkennen.
Aus seiner Ohnmacht erwachend geht der Optiker nahtlos in eine tiefe Verbeugung über.
| * An der Innenseite des einen Bügels war ganz klein dieses "McPenny" zu lesen. |