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01. 07. 2009
Hexe
Weibliches Wissen, Denken und Erkennen
Stationen eines "eigen-willigen" Erkenntnisweges
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Mystik
 
 

Die weise Alte - spirituelles Wissen
Mystik als nicht-rationale Art des Erkennens


Schon immer  gab es und gibt es nach wie vor ein Wissen, daß jenseits der naturwissenschaftlichen Methoden zu erstaunlichen Erkenntnissen kam und kommt.  Doch erst wenn es gelingt, diese Erkenntnisse auch mit wissenschaftlichen Methoden nachzuvollziehen, hat dieses "andere" Wissen eine Chance, anerkannt zu werden.
Ich will auf dieser Seite ein wenig "Werbung" für dieses unbekannte Denken und Erkennen machen, versuchen, Vorurteile abzubauen und Neugier zu wecken, sich mit diesem Thema einmal näher zu befassen.

Ein Ergebnis der Beschäftigung mit dem, was Mystik ureigentlich ist, ist der Versuch vieler Menschen, vor allem auch von Männern, die Einheit von Wissenschaft und Theologie irgendwie wieder herzustellen. Diese Menschen werden oft bekämpft und verspottet von Vertretern beider Parteien. In diesem Punkt sind sich die verfeindeten Lager zumindest einig.

Andererseits ist der gerade an Schärfe gewinnende Kampf (oder ist es schon Krieg?) zwischen z. B. Darwinisten und Kreationisten ein Zeichen, daß es höchste Zeit ist,  diesen Kampf zu beenden und beide Seiten zu versöhnen.
Erscheint dieser Gedanke als unmöglich?  Wenn ja, woran mag das liegen? Sorry - ich meine nicht die Versöhnung von Darwinisten und Kreationisten - die können auf der Ebene, auf der sie sich bekriegen, keinen Frieden finden. Ich meine die Versöhnung von Wissenschaft und Religion.
Es wird also auch Teil dieses Themas sein, solche Versuche vorzustellen.

Mein Anliegen ist es jetzt vorrangig, sich diesen "nicht-rationalen" Erkenntnismethoden aus streng wissenschaftlicher Sicht zu nähern - ihre Geschichte und ihre Inhalte, ihre Erkenntnisebenen zu untersuchen und sie mit den Ergebnissen der rationalen Erkenntnisformen zu vergleichen. Denn erst wenn es gelingt, diese Erkenntnisse auch mit wissenschaftlichen Methoden nachzuvollziehen, hat dieses "andere" Wissen eine Chance, anerkannt zu werden.

Denn "wahr" war dieses "nicht-wissenschaftliche" Wissen schon vorher, vor dem wissenschaftlichen Beweis seiner Richtigkeit.  Zu ihm gehören intuitives Wissen, "geoffenbartes" Wissen, dazu gehört das Wissen, das  man sich "selbst zusammenreimen" kann,  Erfahrungswissen bzw. empirisches Wissen. Ich behaupte  außerdem, daß es ein Wissen gibt, das nicht einmal "bewiesen" werden kann - und trotzdem steht es uns zur Verfügung.

Während die klassische Erkenntnis streng zwischen den Gebieten des rationalen Erkennens und des intuitiven, nicht-rationalen Erkennens bzw. des Glaubens unterscheidet, gibt es im spirituellen Wissen der Frauen keine Trennung beider Bereiche. So wird auch die scharfe Abgrenzung zwischen Theologie und Naturwissenschaft belächelt.

Träger dieses Wissens - egal ob Mann oder Frau - wurden in der Geschichte ausgegrenzt, verfolgt oder sogar ausgerottet.
Mystiker, die Gnostiker, "weise" Frauen und Männer waren Träger dieses "anderen" Wissens. Hier will ich einige dieser Menschen und ihre Erkenntnisse nach und nach vorstellen.

Einmal las ich von der "Pistis Sophia". Das ist eine Schrift, die zu den sogenannten "gnostischen Schriften" gehört. Ich besorgte mir das Buch in der Bibliothek des hiesigen Predigerseminars und las Dinge, die so unverständlich waren, daß ich das Buch am liebsten gleich wieder weggelegt hätte. Doch die Frage ließ mir keine Ruhe: Was meinten die Menschen, die das aufgeschrieben hatten, mit ihren eigenartigen Erzählungen? Was wollten sie damit sagen? Wie Jux und Tollerei, Schabernack oder Dummheit sah das Ganze nicht aus. Bis heute stehe ich vor einem Rätsel: Ich möchte auch dieses Wissen verstehen lernen. Doch ich weiß nicht wie.

Angesichts der Tatsache, daß moderne Wissenschaft und Technik nach wie vor als "Männerdomäme" gilt, sei die Frage erlaubt, ob "Hexenwissen" auch etwas mit Wissenschaft zu tun haben könnte und ob Frauen nicht ein Wissen besitzen (oder besaßen), das dem heutiger Wissenschaften teilweise überlegen ist (siehe z. B. in Hexenwissen die Buchempfehlungen).

Diese Frage kann auch anders benannt werden und dann ist sie alt bekannt und auch schon in Auseinandersetzungen von Männern untereinander aufgetaucht:
es ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen rationalen und nicht-rationalen Formen der Erkenntnis bzw. die Frage nach dem "geoffenbarten Wissen"   bzw. dem Platz der Mystik im Erkenntnissystem der Menschheit. Doch während bisher ein jahrhundertelanger Kampf zwischen beiden Richtungen tobte, ist es nun wohl Sache der Frauen, die feindlichen Lager zu versöhnen: viele Frauen haben kein Problem damit,  sich sowohl das wissenschaftlich-rationale Wissen als auch andere Bereiche des Wissen, die sogenannten "spirituellen" Bereiche, anzueignen. Sie sehen keinen Gegensatz, keine Konkurrenz - sie haben die Erfahrung gemacht, daß es äußerst bereichernd ist für den eigenen Erkenntnisweg, wenn man sich in beiden Bereichen auskennt.

Diese Erfahrung  machten übrigens auch schon Wissenschaftler wie Newton und Goethe und in der heutigen Zeit stehen die Physiker Hans-Peter Dürr und Fritjof Capra als Beispiele für die Suche nach der Verbindung beider Bereiche.

Hier gibt es  nun eine ausführlichere Darstellung dessen, was ich bisher über Mystik in Erfahrung bringen konnte:

  1.  Keine Angst vor Mystik
  2. Mystik und Christentum
  3. Mystik und Erkennen
  4. Mystik und Mathematik
  5. Der Satz des Pythagoras - ein "mystischer" Beweis
  6.  Nicht mehr ganz so aktuell: der Film "Der da Vinci-Code / Sakrileg" und die Suche  nach dem "Heiligen Gral"  - die "Schein-Mystik"
  7. Hans-Peter Dürr: Mystik und Wissenschaft
  8. Das Problem der mystischen Erkenntnis
  9. Kunst und Mystik
  10. Mystisches Erkennen und Wissenschaft
11. Eine Buchempfehlung: Dorothee Sölle "Mystik und Widerstand"
  Anhang: Wie aus Unverständnis Angst geschürt wird - ein kleines Beispiel
1. Keine Angst vor Mystik
In unserer rationalen Zeit ist für viele Menschen das Wort "Mystik" etwas mittelalterliches, irrationales, unwissenschaftliches, unwichtiges.
Höchstens, daß man bei Dingen, die einem dunkel bzw. unverständlich erscheinen, sagt: "Das kommt mir ziemlich mystisch vor."
Mystik hat einen Hauch von   Aberglauben und Spinnerei.
Gelegentlich wird nicht zwischen Begriffen wie "Mystik" und "Mythologie" bzw. "Mythen" getrennt.
Hinzu kommen diverse Fernsehfilme, die mit dem Begriff "mysterie" hausieren gehen und dabei das Übernatürliche, Unerklärliche, Rätselhafte meinen.
Selbst in seriösen Wörterbüchern und Lexika  kann man auf die eigenartigsten Wissenslücken stoßen, was den tatsächlichen Inhalt des Wortes "Mystik" betrifft.

Bitte geben Sie mir die Chance, ein gutes Wort für die Mystik einzulegen, ohne daß Sie mich gleich als Spinnerin in eine Ecke mit Esoterikern oder Schwindlern stellen.
 
2. Mystik und Christentum
Als Ausgangspunkt möchte ich noch einmal den Satz von Karl Rahner nennen (erwähnt in "Die Physikerin / Gottbild"), der mich 1995 auf die Spur gebracht hat, mich dem, was sich hinter diesem Wort verbirgt, vorurteilslos zu nähern:

          "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein
           oder es wird keinen Christen mehr geben."


Eine so absolute Aussage  läßt aufhorchen. Wenn ein katholischer Theologe, ein Jesuit, das Christentum in Frage stellt, falls dieses sich nicht (wieder) der Mystik zuwendet, dann scheint er an den Grundfesten christlichen Glaubens zu rütteln. Oder er hat eine Wahrheit begriffen, auf die er andere mit Hilfe dieser drastischen Formulierung aufmerksam machen will.
Da  nach wie vor  die wirkliche Bedeutung dieses Wortes fast unbekannt ist und - soviel ich weiß -  die Kirche bisher nichts getan hat, dieses Informationsdefizit in der Öffentlichkeit zu überwinden, ist davon auszugehen, daß der im Jahr 1984  verstorbene Rahner sich geirrt hat oder sein Ruf bis heute ungehört verhallte.
Um so interessanter ist es für mich - und hoffentlich auch bald für Sie - sich diesem Begriff ganz "unschuldig", ohne Vorurteile und  - ich bitte Sie darum - ohne Mißtrauen zu nähern.
 
3. Mystik und Erkennen
Doch, eines hat sich in den vergangenen Jahren gebessert, man hört gelegentlich von "Mystikern" im christliche, jüdischen und islamischen Glauben. Am bekanntesten sind Meister Ekkehard und Hildegard von Bingen.
Meist gilt jedoch das, was diese Menschen als Mystiker auszeichnet, nach wie vor als unverständlich. 
Manche reden statt von "Mystik" lieber von "Spiritualität". Ich denke, daß beide Begriffe noch etwas leicht verschiedenes beschreiben, sich jedoch weit überlappen.
Dorothee Sölle schreibt:

                 "Mystik ist die Erfahrung der Einheit
                 und der Ganzheit des Lebens."


Menschen, die solche "mystischen Erfahrungen" gemacht haben, sollen danach ihr Leben von Grund auf geändert haben.
Die Bezeichnung "mystische Erfahrung" bzw. "mystisches Erkennen" wird meist nicht verwendet, sondern Begriffe wie:
    - Erleuchtung
    - Offenbarung
    - Ganzheitserlebnis

Als Wissenschaftlerin möchte ich Mystik so beschreiben:
Sie ist eine andere Art des Erkennens als die uns geläufige Art des rationalen Erkennens. Sie ist eine komplexe Form von Erkennen, in der sich Wissenszuwachs, Glücksgefühle (modern: "AHA"-Effekt) und ein hoher ästhetischer Genuß miteinander verbinden.  Diese Form des Erkennens ist nicht an Vorwissen gebunden: sie trifft hochintelligente, hochgebildete Menschen und einfache Menschen, religiöse und atheistische, Männer und Frauen offenbar gleichermaßen.
Viele   Menschen unternehmen große Anstrengungen, um ein solches "mystisches Erkenntniserlebnis" zu haben, ohne daß es ihnen je gelingt.
Es scheint, als kann man es nicht lernen im üblichen Sinne. Es ist eher vergleichbar mit dem Training beim Sport, das die Vorbereitung für ein körperliches Höchstleistungserlebnis ist. Das kann man auch nicht aus Büchern lernen. So ähnlich kann man sich auch   die Vorbereitung auf diese Erkenntnisform vorstellen: man muß seinen Geist trainieren, man muß "sehen lernen".
 
4. Mystik und Mathematik

Wenn Sie Ihre mögliche Skepsis abbauen möchten und eine erste Vorstellung davon bekommen möchten, wie das "mystische Erkennen" funktioniert, biete ich hier ein ganz einfaches Beispiel an - einen Beweis für den Satz des Pythagoras. Dieser Beweis kommt aus China und  benötigt keinerlei mathematische Formeln und nicht das geringste mathematische Grundwissen. Man muß nicht einmal etwas vom Satz des Pythagoras gehört haben, um diesen "Beweis" nachvollziehen zu können. Ein zehnjähriges Kind kann ihn genauso leicht erkennen wie ein Mathematikprofessor. Der Unterschied dieses Beweises zu anderen mathematischen Beweisen: sobald man erkannt hat, was zu erkennen ist und sobald man es verstanden hat, benötigt man überhaupt keinen Beweis mehr.

Dann weiß man einfach, daß es richtig ist,
so wie man es erkannt hat.

Die Frage ist: erkennen Sie, daß das weiße Quadrat in der linken Abbildung mit der Kantenlänge c die gleiche Fläche einnimmt wie in der rechten Abbildung die beiden roten Quadrate zusammengenommen mit den Kantenlängen a   und b?

chinesischer Beweis des Satzes des Pythagoras

Diese Abbildung ist dem Buch "Das chinesische Dreieck" 
von Dominic Olivastro entnommen - siehe Quellen

5. Der Satz des Pythagoras
An diese Formel können sich die meisten noch aus ihrer Schulzeit erinnern. Den Beweis noch einmal in der damals üblichen Form zu erstellen, dürfte schwierig werden.
Ich hoffe, Ihnen geht es beim Betrachten der obigen Abbildung ähnlich wie mir damals, als ich diese Zeichnung zum ersten Mal sah: es war  eine ziemliche Überraschung, als ich die Lösung erkannt hatte. Danach war es einfach: ich "vergaß" die Lösung nicht wieder.
Wenn Sie diese Gleichheit nicht sofort erkennen können, versuchen Sie es noch ein paar Minuten. Es ist schöner, man findet sie selbst heraus, als daß man in der Lösung nachschaut.

Die Lösung für Ungeduldige: wenn Sie den Mauszeiger auf "Lösung für Ungeduldige" führen, zeigt sich hoffentlich ein Text. Darin steht die Auflösung. Doch wenn man es liest anstatt selbst zu finden, hat man diesen typischen "mystischen" Erkenntniseffekt nicht, dieses Vergnügen oder diese Lust,  etwas plötzlich "von allein" zu erkennen.

Wie gesagt, so ähnlich funktionieren auch andere  "mystische" Erkenntnisse.
 
a2 + b2 = c2
6. Nicht mehr ganz so aktuell:
der Film "Der daVinci-Code / Sakrileg) und die Suche nach dem "Heiligen Gral" - die "Schein-Mystik"
Der Werbefeldzug für diesen Film lief eine Zeitlang   auf Hochtouren. Pro7 brachte in seiner scheindokumentarischen Sendung "Galileo spezial" einige "Hintergrundinformationen". Darin werden Mystik und die Suche nach einem "Heiligen Gral" in einen Topf geworfen. Wenn ich diesen ganzen Zirkus richtig verstanden habe, wird einem "Mythos" nachgejagt, dem "Mythos vom Heiligen Gral" und das wird als "Mystik" bzeichnet.  Es wird erwähnt, daß die  deutschen Nationalsozialisten, insbesondere Himmler, ein starkes Interesse an "Mystik" hatten. Ich habe nicht den Eindruck, daß damit das gemeint ist, was Menschen wie z. B. Hans-Peter Dürr und Dorothee Sölle unter Mystik verstehen.

Ich möchte ausdrücklich betonen:
Solche Mythen und auch Geheimnisgetue hat noch lange nichts mit Mystik zu tun.
Bei Mystik geht es nicht  einmal und nicht vordergründig um bestimmte Wissen, sondern um eine Erkenntnismethode.


Eher mit Mystik zu tun hat wohl die  Suche Newtons nach Wissen auch außerhalb der offiziellen Wissenschaft: er wurde als "letzter Magier seiner Zeit" bezeichnet und soll sich mit allem möglichen "okkulten" Wissen befaßt haben.  Vielleicht hat er dabei auch "mystische Erkenntniserlebnisse" gehabt, das ist aus den Sekundärinformationen über ihn nicht ersichtlich.

Doch die Grenzen sind fließend zwischen Wissen und  Erkennen. Ich möchte jedoch ausdrücklich betonen: auch das "okkulte Wissen" und diverse magische und esoterische Rituale haben nichts, absolut nichts mit der echten Mystik zu tun!
 
7. Hans-Peter Dürr: Mystik und Wissenschaft
Der Physiker Hans-Peter Dürr  ist vielen bekannt. Vor Jahren  hörte ich einen Vortrag von ihm über "Mystik und Wissenschaft". Meine Notizen daraus werde ich irgendwann einfügen. Dürr engagiert sich auch stark für die Versöhnung von Wissenschaft und Religion. Ich denke, die Mystik ist die Brücke zwischen beiden.
8. Das Problem der mystischen Erkenntnis - es gibt keine Antwort, nur eine Handlungs-Anleitung

Mystisches Erkennen ist letztendlich "wortloses" Erkennen. Da es sich um eine ausgesprochen subjektive Erfahrung handelt, kann  man zwar versuchen, das Ergebnis der eigenen Erkenntnis in Sprache zu übersetzen und so anderen Mitteilung davon zu machen. Letztendlich werden die anderen aber nicht verstehen, was gemeint ist, solange sie diese  Erfahrung nicht auch selbst gemacht haben. Auch beim obigen Beispiel mit Pythagoras können Sie zwar die Lösung lesen, aber sie nützt Ihnen nichts in dem Sinne, daß sie die Antwort gibt. Die Lösung gibt nur den Weg, wie Sie diese Erkenntnis gewinnen können. Wollen Sie den Beweis finden, müssen Sie das, was ich als Lösung benenne, aktiv  tun. Die Lösung ist keine Antwort, sondern eine Handlungsanleitung, sich die beiden Zeichnungen bewußt anzusehen.

Sie können es sich ungefähr so vorstellen: Sie lesen über Verliebtsein Bücher und sehen Filme. Wenn Sie dieses Gefühl noch nicht am eigenen Leibe  (an der eigenen Seele) erlebt  haben, werden Sie das Verhalten der betroffenen Menschen, die Beschreibung des Zustandes für befremdlich bis albern halten. Im günstigsten Fall können diese Beschreibungen Ihr Verlangen wecken, selbst eine solche "Erkenntnis des Verliebtseins" zu erleben. Verstehen werden Sie es jedenfalls  erst durch eigene Erfahrung, nie allein durch Lesen und Lernen von Beschreibungen.

So wie es den Zustand der Verliebtheit gibt, den man nur selbst erfahren kann, gibt es viele geistig-emotionale Zustände, insbesondere auch Erkenntniserlebnisse, die man nicht rational vermitteln kann. Viele Menschen in diesen Zuständen erscheinen Außenstehenden genauso "verrückt", wie Verliebte "verrückt" erscheinen.

Fachdeutsch ausgedrückt heißt das:
Das Problem der Mystiker besteht darin, ihre Erfahrungen ins personale Bewußtsein zu übersetzen.

In einer anderen Formulierung heißt es:
Diejenigen, die mystische Erlebnisse gehabt haben, haben hinterher vier Möglichkeiten, darauf zu reagieren:
1. Sie ignorieren dieses Erlebnis, weil es nicht in ihr rationales Weltbild paßt.
2. Sie werden verrückt in dem Sinne, daß die reale Welt ihre Bedeutung verliert, sie jeden Bezug zu ihr verlieren, aufgeben oder verweigern. Das mystisch Erlebte wirkt so stark, daß es darüber hinaus keinen Sinn mehr gibt.
3. Sie haben den dringenden Wunsch, anderen Menschen von diesem wunderbaren, beglückenden Erlebnis Mitteilung zu machen, können sich dafür aber nur der rationalen Sprache bedienen, in der diese Erfahrung eben nicht ausdrückbar ist. So wirken sie auf die anderen langweilig, anstrengend, abstoßend, "missionierend" bzw. ebenfalls verrückt.
4. Die vierte Gruppe der Menschen mit mystischen Erlebnissen wissen um die Begrenztheit der Ratio, des Verstandes, der Sprache. Sie drücken ihre Erkenntnisse auf andere Art, indirekt, symbolisch aus: sie werden z. B. Dichter, Künstler oder   Wissenschaftler (ja! das geht auch!).

 
9. Kunst und Mystik
Wer das weiß oder wer selbst schon ein mystisches Erlebnis gehabt hat, erkennt unter den Künstlern die "begnadeten"   -   diejenigen, die ein mystisches Erlebnis hatten. Man kann sie sehr gut von denen unterscheiden, die vorgeben, begnadet zu sein.   Begnadete Künstler kann man auch an ihrer Wirkung über die Jahrhunderte erkennen, selbst dann, wenn man nichts von Mystik und Begnadetsein weiß. In diesem Sinne kann man sicher sein, daß Michelangelo, Leonardo da Vinci, Tschaikowski und andere begnadet waren.
Künstler, die demgegenüber nur das rational Erkannte und vielleicht noch ihre Gefühle in die Kunst übersetzen, können zwar auch anziehen, faszinieren, begeistern. Doch bleibt das Erleben ihrer Kunst meist in der rationelen Ebene stecken. Man bewundert die Kunstfertigkeit, die Formen, die Aussage. Oft "versteht" man so ein Kunstwerk erst mit vielem "Hintergrundwissen", es ist dann Kunst für eine gebildete Elite, die von der ungebildeten Allgemeinheit, dem "einfachen Volk" nicht verstanden werden kann.   Das Kunstwerk eines Begnadeten wirkt auf den Betrachter, egal auf welcher Erkenntnisebene er es wahrnimmt, es berührt jeden:   das Kind und den Ungebildeten ebenso wie den Kunstwissenschaftler. Jeder entdeckt "etwas" darin, doch nicht jeder kann wirklich "alles" finden, was der Künstler hineingelegt hat. Deshalb wird man solcher Kunst gegenüber eine  Entwicklung erleben:  je länger man sich mit ihr beschäftigt, um so mehr erkennt man. Sie kann einem ein ganzes Leben etwas geben. Wenn man Glück hat, erkennt man auch ihr "letztes Geheimnis".  Da die mystisch inspirierte Kunst Ganzheit vermittelt, wird sie immer eine ästhetische Kunst, eine schöne Darstellung sein ....
10. mystisches  Erkennen und Wissenschaft
Was soll jemand machen, der auf der mystischen Ebene eine Erkenntnis hatte, die ihm niemand abnimmt?  Wenn Erkenntnisse nur in wissenschaftlicher Sprache, mit wissenschaftlichen Beweisen akzeptiert werden, wird ein solcher Mystiker ggf. auf die Idee kommen, Wissenschaftler zu werden und die Beweise mit Hilfe der wissenschaftlichen Methode zu beschaffen. Dann heißt es vielleicht in Fachkreisen: "Der hatte Glück." oder  "Der hatte eine besondere Intuition."
Ich möchte an dieser Stelle erinnern, daß mein Interesse an Philosophie begann, als mein Professor für Theoretische Physik, Prof. Schöpf, darauf verwies, daß viele Erkenntnisse bereits gefunden wurden, ehe sie heute auf wissenschaftlicher Ebene bestätigt werden konnten. (siehe: Die Physikerin / Studium - der Abschnitt über die 60-Stunden-Woche und das Rätsel der alten Griechen)
Nun wäre also eine Erklärung für das von ihm Gesagte möglich: Außerhalb der Wissenschaft gab und gib es einen viel umfassenderen Erkenntniszugang - und die Wissenschaft ist nur im Nachtrab.

Doch wie reagiert die Wissenschaft auf diese Situation?  Anstatt diese außerwissenschaftliche Erkenntnisebene bewußt in ihre Arbeit einzubeziehen, eiert sie herum.

Lustig wurde es, als ich las, wie Astronomen die Tatsache zu erklären versuchten, daß Jonathan Swift bereits  rund 150 Jahre vor der offiziellen astronomischen Entdeckung der Marsmonde (der Entdeckung mit Hilfe eines Fernrohrs) diese beschrieb: nicht nur, daß es zwei sind, sondern er beschrieb auch, daß einer sich retardierend bewegt. Na so ein Zufall! - sagt die Wissenschaft....  - hihi!
11. Eine Buch- Empfehlung
Fürs erste will ich es bei dieser Einführung in die Mystik belassen. Später ergibt sich vielleicht aus dem Text der anderen Seiten, daß es zweckmäßig ist, hier noch einiges zu ergänzen.
Wenn Sie jetzt schon mehr über Mystik wissen wollen, kann ich Ihnen ein sehr sachliches, "rational" geschriebenes Buch empfehlen:

Dorothee Sölle
Mystik und Widerstand
Mein Exemplar ist erschienen im Hoffmann und Campe Verlag , Hamburg, 1997
ISBN 3 - 455 - 08583 - 0

Hier ein kleines Zitat von der letzten Seite des Buches:
Mehr über D. Sölle schreibe ich in Namen »
D. Sölle
 
"Die Mystik als die zukünftige Gestalt der Religion bezieht sich auf diese Einheit des Lebens. ... Ist es möglich, die Illusion der Autonomie und der Autarkie und die Praxis der Ausgrenzung durch Liebe zu überwinden? Daß wir ohne diesen mystischen Traum keine Chance haben, ist evident genug.  Ihn schon jetzt zu leben ist die Hoffnung bewußter Minderheiten.
...  Das Bild vom Leben spricht in schöner mystischer Übertreibung und zugleich durchaus realistisch von drei Qualitäten, die allen offenstehen:
         - grenzenlos glücklich,
         - absolut furchtlos,
         - immer in Schwierigkeiten."
 
Anhang:
Angst vor Mystik
 Das eigentlich schlimme an dem folgenden Beispiel ist, daß in ihm ein völlig einseitiges, geradezu falsches Bild von Mystik existiert:

"Schule verbannt Potter
Eltern sehen durch Mystik religiöse Gefühle verletzt"

ist die Überschrift.
Der Sachverhalt war, daß an einem Chemnitzer Gymnasium Eltern von Schülern einer 5. Klasse "religiöse Bedenken"  gegenüber Geschichten vom Zauberlehrling Harry Potter geäußert hatten. Ein Zitat aus der Presse von damals:
 
 
"Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder  sich mit der in den Büchern enthaltenen Mystik beschäftigten, sagte Lamm.  Nach Angaben der Eltern würden dadurch religiöse Gefühle verletzt. Das Kultusministerium wollte den Vorgang nicht bewerten."
MZ 22. 3. 2007, S. 20
(Lamm ist der Name des Schulleiters )
 
Die Frage ist nur, ob das, was in den Harry-Potter-Büchern steht, überhaupt etwas mit "Mystik" (Mystik als Erkenntnismethode) zu tun hat und ob diese Erkenntnismethode religiöse Gefühle (welche?) verletzten kann. Schließlich gab es viele Mystiker verschiedener Religionen, auch innerhalb des Christentums.

Abgesehen davon ist mir wirklich rätselhaft, welche religiösen Gefühle durch die Harry-Potter-Phatasie-Bücher   "verletzt" werden. Es sind  meines Wissens keine Karikaturen von Jesus oder von gläubigen Christen  enthalten, das Kreuz als christliches Symbol wird nicht herabgesetzt, das Tragen von Kopftüchern wird nicht einmal erwähnt.  Was im Zusammenhang mit den Büchern um Harry Potter als "Mystik" bezeichnet wird, ist viel Phantasie, ein bißchen modernes Märchen, ein bißchen Magie, ein bißchen Zauberei.

Ach ja, in der Bibel wird die Zauberei verdammt. Aber gibt es denn Zauberei wirklich?  
Zauberei gehört nach modernem Wissenschaftsverständnis eindeutig ins Reich der Phantasie - und die Kinder wissen das durchaus!
 
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