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20. 10. 2009
Hexe
Weibliches Wissen, Denken und Erkennen
Stationen eines "eigen-willigen" Erkenntnisweges
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Geduld
 
 
 
 
Gedanken-ABC
Geduld -  oder die weibliche Kunst des Aushaltens

Herr, der du so groß und weise bist,
wenn ich dich um drei Gaben bitten darf, so gewähre mir
als erstes die Kraft, Dinge zu verändern, die in meiner Macht liegen.
Als zweites bitte ich dich um die Gelassenheit, Dinge zu ertragen,
die ich nicht verhindern kann.
Doch als drittes, oh Herr, bitte ich dich um Weisheit,
zwischen diesen beiden Dingen unterscheiden zu können.
(Dieses Gebet gibt es in verschiedenen Variationen, eine erste Quelle habe ich nicht gefunden.)

Ungeduld ist eine weit verbreitete, sozusagen natürliche Eigenschaft des Menschen. Geduld muß erlernt werden, da sie nur den wenigsten Menschen in die Wiege gelegt wurde. Geduld ist keine Tugend, die um der Tugendhaftigkeit gepflegt werden sollte. Geduld oder Gelassenheit ist ein Teil der Lebenskunst insgesamt. Ist Geduld eine "typisch weibliche Eigenschaft"? 

  1. Volksmund
  2. Assoziationen oder Wortspielereien rund um die Geduld
  3. Jegliches hat seine Zeit: der weise König Salomo und sein berühmtes Lied
  4. Die Geduld eines Mannes: wie ein Mann ein ganzes Gebirge wieder aufforstete
  5. Eine Geschichte über wahre Engelsgeduld von Frauen in Afrika
6. Ist   Geduld eine männliche oder eine weibliche Tugend?


1. Volksmund
"Geduldige Schafe gehen viele in einen Stall." - Hier deutet sich wohl die Kehrseite der Geduld an: wer zu geduldig ist, wird ausgenutzt, ist ein "Schaf".

"Mit Geduld und Spucke" wird so manches Problem gelöst.

"Hoffen und Harren hält manchen zum Narren"  meint wohl, wer zu viel Geduld zeigt, ist am Ende der Dumme.

Manch einer hat eine "Engelsgeduld" - das rückt Geduld in sozusagen himmlische Dimensionen, die dem irdischen Menschen i. a. verschlossen sind.  "Himmlisch" - das heißt auch: Steinig und mühevoll ist der Weg, diese Tugend zu  erlangen. Doch hat man sie erreicht, ist man des "himmlischen Lohnes" schon hier auf Erden sicher: ein Leben in Ausgeglichenheit, mit der Fähigkeit, die Realitäten richtig zu erkennen und seine Erwartungen darauf einzustellen.
 
2. Assoziationen
Geduld und Gelassenheit hängen eng miteinander zusammen.  Die sprichwörtliche  "heitere Gelassenheit", die vor allem in asiatischen Religionen gelehrt, gelernt und gepflegt wird, ist jedoch mehr als Geduld: sie ist sozusagen die "Philosophie der Geduld", ihre geistige Basis. Geduld ist etwas, das man zeigt oder verliert oder  hat, etwas, das "überstrapaziert" werden kann. Geduld passiert im praktischen Leben, ist Teil und Möglichkeit des Handlungsspektrums der Menschen. Sie ist wohl auch möglich ohne geistiges Konzept, einfach aus Nächstenliebe oder aus Angst vor Streß. Geduldig ist eine Mutter mit ihrem Kind, ein Lehrer mit seinem lernwilligen Schüler.

Ungeduldig  zu sein, hat oft böse Folgen: man will Prozesse beschleunigen, die jedoch ihre Zeit benötigen.  Wer es nicht abwarten kann, bis der Kuchen durchgebacken ist oder die Kirschen reif sind, der muß Klitschkuchen oder Kirschen essen, die noch nicht wirklich schmecken. Der Ungeduldige bringt sich also um Teile eines Genusses.

Gedulden und Erdulden sind zwei völlig wesensverschiedene Dinge:
erdulden kann oder muß ich etwas, mit dem ich nicht einverstanden bin, es aber nicht ändern kann: eine Gefängnisstrafe, eine Polizeikontrolle, einen Job, den ich hasse, aber machen muß, eine Wohnung, die furchtbar ist, ich mir aber keine bessere leisten kann. "Geduldig ertragen" sagt man wohl dazu. Doch wenn ich etwas nur "erdulde" ohne Geduld, bin ich bald "mit meiner Geduld am Ende". Dann passiert es, daß Menschen "ausrasten", "Amok laufen".

Ausländer werden mitunter nur "geduldet", aber nicht wirklich aufgenommen in unserem Land.  Das meint jedoch auch weniger etwas, das mit Geduld zu tun hat als mit dem "Erdulden": Deutschland will sie nicht wirklich hier haben, kann sie aber auch nicht so ohne weiteres rausschmeißen.  Aus Rache dafür werden sie ein bißchen schikaniert. Das ist eine ganz normale Folge: erdulden erzeugt "negative Energie", eine Gegenreaktion, einen Widerstand, Haß, Abneigung, Wut.

Geduld ist die Wirkung  "positiver Energie": ich dulde in dem Wissen, daß etwas besser wird, daß ich die Möglichkeit habe, auf dieses Besser-Werden Einfluß zu nehmen. Geduld setzt positive Energie frei, hilft mir, die Mühseligkeit dieser Änderungsprozesse zu akzeptieren und zu "erdulden".   Das Wort Toleranz kommt vom  lateinischen Wort "tolerare" , das "tragen, ertragen, erdulden" bedeutet. Es wird auch im Sinne von "gewähren lassen" gebraucht.

Liebe ist auch die  Fähigkeit, den anderen "gewähren zu lassen" - ihn das tun zu lassen, was er möchte, ob es mir nun gefällt oder nicht. Der Vater, der seinem Sohn nicht vorschreibt, die Firma zu übernehmen, weil der einen ganz anderen Lebensplan hat, muß für sich viel erdulden: er muß sein eigenes Lebenswerk  in fremde Hände geben.  Doch wenn es ihm wichtiger ist, daß sein Sohn seine eigenen Entscheidungen trifft, dann wird er ihn nicht  zwingen.

Geduldig  und damit tolerant muß man nicht nur mit anderen Menschen sein, besonders wichtig ist es, mit sich selbst sorgsam und geduldig umzugehen. Das heißt auch, realistische Erwartungen an sich zu stellen, keine übertriebenen Forderungen, die nicht eingehalten werden und dann  nur Frust erzeugen. Andererseits heißt Geduld auch, ein Ziel selbst dann nicht aufzugeben, wenn man Rückschläge hinnehmen muß: manch einer hat es erst beim 20. Versuch geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. (Bei mir waren es übrigens "nur" ungefähr  fünf oder zehn Versuche.)

Gelassenheit weiß um die Dauer bestimmter Prozesse, ob im Leben einzelner Menschen oder in der Geschichte ganzer Völker.  Sie weiß, daß nicht alles sofort möglich ist, daß alles "seine Zeit braucht". Bei Salomo, dem weisen König aus der Bibel, findet sich das berühmte "Lied von der Zeit":
3. Jegliches hat seine Zeit
1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.
9 Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.
10 Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, daß sie sich damit plagen.
11 Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.
12 Da merkte ich, daß es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.
13 Denn der Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes.
14 Ich merkte, daß alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll.
15 Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.
Altes Testament:
Der Prediger Salomo (Kohelet):
Kapitel 3,
Vers 1 bis 15
4. Die Geduld eines Mannes - wie ein Mann ein ganzes Gebirge wieder aufforstete
Einmal, vor vielen Jahren, sah ich einen Zeichentrickfilm über eine wahre Begebenheit: über einen Mann, der mit Geduld in 30 Jahren ein ganzes Gebirge wieder aufforstete.  Diesen Film beschreibe ich hier. Einige Details kann ich nur ungefähr wiedergeben, wo die Erinnerung versagt, ergänze ich aus der Phantasie, um die Kernaussage der  Geschichte richtig wiedergeben zu können:

Einem Mann waren Frau und Kinder gestorben oder in Kriegswirren ums Leben gekommen. Allein lebte er nun in einer Gegend, einem Gebirge, in der vor Jahren und Jahrzehnten der ganze Wald abgeholzt worden war.   Die Folge war, daß das Grundwasser sank, die Bächer versiegten, die Felder keine Früchte mehr trugen und Menschen und Tiere aus der Gegend wegzogen, weil sie hier nicht mehr leben konnten.

Nur   dieser einsame Mann lebte noch dort. Er vergrub an jedem Tag 100 Samen von Bäumen, von Kastanien, Buchen usw. in der Erde. Einige gingen auf, einige gingen nicht auf. Tag für Tag tat er das, 30 Jahre lang. Eines Tages war das Gebirge wieder bewaldet.

Man kann es ausrechnen (die Rechnung wurde im Trickfilm natürlich nicht aufgemacht, es wurden nur gezeigt, wie die Bäume wuchsen und die   Fläche mit Bäumen immer größer wurde): 36 500 Samen im Jahr, von denen vielleicht 25 000 zu Bäumen wurden, das ergibt in 30 Jahren 750 000 Bäume. Ich weiß nicht, wie viele Bäume auf einem Hektar Fläche wachsen können, vielleicht sind es 10 000 Bäume, vielleicht weniger, vielleicht mehr.  10 000 Bäume pro Hektar - das wären auf jedem Quadratmeter ein Baum. Vielleicht hat der Mann ja auch, weil er eine so große kahle Fläche vor sich sah, die Bäume nicht ganz so dicht gepflanzt, wie es ein Forstwirt tun würde, der aus seinem Wald einen möglichst hohen Ertrag herausholen will. Vielleicht hat er die Landschaftsstruktur und den Anblick der fertigen Bäume und Waldflächen berücksichtigt und sogar ein kleines Landschafts-Kunstwerk geschaffen, wie es sie auch in vielen Parkanlagen in Deutschland   auf kleinerer Fläche gibt. Ich gehe einmal von den  1000 bis 10 000 Bäumen pro Hektar aus.

Dann hat dieser Mann in diesen dreißig Jahren  75 bis 750 Hektar Wald wieder aufgeforstet. Das ist ein Lebenswerk. Er hat es getan, nicht weil er dafür Geld bekam. Er mußte ja nebenbei noch zusehen, daß er etwas zu essen hatte, er mußte sich um die Samen kümmern, er mußte im Winter Holz haben, um nicht zu frieren,  mehr als 100 Samen pro Tag war da wohl nicht zu schaffen.
 
Diese Geschichte mutet wie ein Gleichnis an, unvorstellbar, daß sie wirklich passiert sein soll.  Doch der Film verrät auch - und irgendwann habe ich auch einmal etwas mehr über seinen historischen Hintergrund gelesen -  daß nach langer Zeit eine Regierungskommission in den Wald kam und sich wunderte, wieso der wieder gewachsen war.
 
 
 Das schönste an dem Film war, wie er zeigte, daß die Bächer wieder anfingen zu fließen, als die Bäume das Grundwasser wieder hielten, wie die Waldtiere und Vögel  zurückkamen - und wie die Menschen die Gegend wieder besiedelten: junge Menschen mit kleinen Kindern, die spielten und lachten.

Wenn dann eines Tages hier bei uns im Fläming und in der Dübener Heide der Wald verschwunden sein wird (wegen des riesigen Holzkraftwerkes, das im Jahr 2009 offiziell eingeweiht wurde), finden sich sicher auch viele geduldige Menschen, die diesen Wald wieder aufforsten. Sogar Initiativen, den Regenwald wieder aufzuforsten, gibt es bereits. Und die Menschen, die das machen, wissen genau, daß noch immer brandgerodet wird in einer unvorstellbaren Größenordnung. Sie warten nicht  einmal darauf, daß diese Rodungen gestoppt werden, sie  haben bereits mit dem Aufforsten begonnen.
5. Eine Geschichte über wahre Engels-Geduld von Frauen in Afrika
Vor längerer Zeit wurde im Fernsehsender arte eine Gruppe von Frauen vorgestellt, die sich einer ganz  besonderen Aufgabe in Afrika gewidmet haben: sie wollen erreichen, daß die Mädchen nicht mehr beschnitten werden. In dieser Sendung hat man sehr viel lernen können über die Wirksamkeit patriarchaler Strukturen und die Möglichkeit, bereits in ihnen fortschrittliche Bestrebungen zu verwirklichen.
Nein, man hat kein Gesetz erlassen, das alle einsperrt, die an den alten Traditionen festhalten, kein Gesetz, keine Kontrolle, kein Gericht, keine Strafe. Die Frauen gehen einen ganz anderen Weg:
Wenn sie in ein Dorf kommen, reden sie zuerst mit den Dorfältesten, den alten Männern. Nach und nach werden auch andere in die Gespräche einbezogen. Die Frauen reden, dann gehen sie wieder. Irgendwann kommen sie wieder in das Dorf und reden erneut. Erst wenn die alten Männer schon fast überzeugt sind, daß diese alte Tradition abgeschafft werden muß, werden auch die jungen Frauen, die Muttis mit einbezogen.  Wenn dann alle im Dorf einverstanden sind, daß es in Zukunft keine Beschneidung der Mädchen mehr geben soll, wird ein großes Fest zur Abschaffung dieser Tradition gefeiert.
Die Leiterin der Gruppe, die das bewirkt, wurde gefragt, wie lange es dauert zwischen dem ersten Besuch in so einem Dorf und diesem Fest. Die Antwort war: durchschnittlich dauert es fünf (!) Jahre (!), bis sie es geschafft haben.
 
6. Ist Geduld eine männliche oder eine weibliche Eigenschaft?
Ist Geduld nun eher eine männliche oder eher eine weibliche  Eigenschaft? Wenn man die biologischen Bedingungen in den Anfängen der Menschheit betrachtet, war wohl die Notwendigkeit für beide Geschlechter gegeben, geduldig zu sein: der Jäger mußte geduldig auf seine  Beute warten, wie heutzutage der Angler auf den beißenden Fisch. Die Mütter mußten geduldig die Kinder und das Feuer hüten, und geduldig warten, bis die Männer von der Jagd zurückkehrten. Wenn Geduld schon auf der biologischen Ebene so wichtig ist, um wieviel wichtiger ist sie heute, aus sozialer und psychologischer Sicht.

Wenn Menschheitsentwicklung nur dort und dann passiert, wo und wenn wir uns weiterentwickeln und vervollkommnen,  wenn wir unsere Lebensäußerungen "verfeinern", veredeln, sie sozusagen von ihren natürlichen Urformen zu kulturell-künstlerischen Höchstformen hinführen, dann sollte das Training von Geduld wesentlicher Bestandteil  dieses Entwicklungsprozesses sein. In diesem Sinne halte ich beide Geschlechter gleichermaßen für fähig, geduldig zu sein.

Mit anderen Worten:
Geduld ist Teil eines komplexen Ereignisses, das sich "Lebenskunst" nennt.

Das stundenlange Stillsitzen-Müssen in der Schule ist übrigens kein Geduldstraining, das ist einfach nur widernatürlich.  Andere Traditionen der Schule sind ebenfalls keine Hilfe für das Kind, Geduld zu lernen und zu üben: z. B. wenn es dem Stoff gar nicht folgen kann und keine Zeit bleibt, Wissenslücken in Ruhe aufzuarbeiten.  Unsere ungeduldigen Lehrer richten - glaube ich - sehr viel Schaden bei den Schülern an...
 
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