Wenn ich schon den Vergleich mit der Geburt eines Kindes gewählt habe, so muß dieses Kind natürlich auch einen Namen erhalten, also getauft werden. Doch es verlief hier anders als bei normalen Kindern: es war nicht zuerst die Suche nach einem Namen, sondern das plötzliche Begreifen,
daß ich bereits mir vier Jahren den ersten Vorgedanken für dieses Modell gedacht hatte. "Schuld" daran war eine Puppe, die "Fridolin" hieß. Durch eine Episode, die ich mit ihr erlebte, begann ich, über - ich muß es jetzt einfach so hochtrabend formulieren - das Sein als Prozeß des Werdens und Vergehens nachzudenken.
Hier jedoch erst einmal die Episode von damals:
Meine Puppe Fridolin war schon ziemlich alt und kaputt. Sie verstreute ihr Innenleben, grobe Holzwolle, auf dem Fußboden und wurde langsam immer dünner. Es war abzusehen, daß sie bald nur noch Müll sein würde. Doch sie war mein Ein und Alles. Ich schleppte sie immer mit mir herum.
Dann, eines schrecklichen Tages sagte ein Erwachsener zur mir:
„Dein Fridolin ist ja schon so kaputt und alt. Möchtest du nicht eine neue Puppe haben? Fridolin werfen wir weg.“
Voller Entsetzen begann mein Gehirn ganz schnell zu arbeiten, um die Puppe zu retten. Schüchtern schlug ich vor:
„Fridolin muß nicht weggeworfen werden, er braucht nur neue Arme, neue Beine, einen neuen Kopf und einen neuen Bauch.“
In diesem Augenblick, als der Satz ausgesprochen war, durchzuckte mich die Frage:
Was unterscheidet diesen „neuen Fridolin“ denn dann noch von einer völlig neuen Puppe?
Ich fand das so komisch, daß ich lachen mußte. Der Erwachsene lachte auch – später begriff ich, daß er mich für blöd gehalten hatte mit meinem „dummen“ Vorschlag. Denn ihm war sofort klar, daß das dann ebensogut
gleich eine neue Puppe sein kann.
Übrigens, was meinen Sie – ist Fridolin, wenn man ihm
nach und nach die einzelnen Körperteile erneuert, noch Fridolin, oder ist es eine neue Puppe? Jetzt liegt die Betonung auf "nach und nach".
Das für mich aus heutiger Sicht so besondere an dieser Episoe ist jedoch etwas anderes: ich hatte damals von einem Augenblick zum anderen etwas „gewußt“, was ich erst viel später und durch jahrelange Beschäftigung mit Mathematik, Physik und Philosophie verstand:
der allmähliche Austausch von Teilen eines Systems hält dieses stabil, verhindert seine Alterung. Die Identität bleibt erhalten, obwohl oder gerade weil sich dieses System ständig ändert und erneuert. Ohne den Austausch von Teilen des Ganzen würde das Ganze, das System „sterben“, "vergehen" : Panta rhei – alles fließt (Heraklit)
Diese Gedanken,
daß „alles, was existiert, nur existieren kann, wenn es sich ständig verändert, Veränderung die Grundeigenschaft allen Seins ist,“ wurden zu einem wesentlichen Ausgangspunkt für mein Atommodell. Und deshalb heißt es halt „Fridolin“.
Wenn es mir irgendwann gelingen sollte, dieses Modell bekannt zu machen,
dann würde meine alte Puppe sozusagen auf geistiger Ebene weiterleben.
PS.: Die erkenntnisteoretische interessante Frage dieses damaligen Erlebnisses, das Gefühl des "Wieder-Erinnerns" beim Lernen bestimmter Dinge, beschreibe ich in "Die Physikerin", auf der Seite "
Träume".