Zuerst sah ich das Fremde, Bedrohliche dieser beiden Menschen auf dem Gemälde von Angela Hampel, einer Künstlerin aus Dresden (Künstlerinnen-Gruppe "Paradiesgarten"). Sein Titel ist
"Frau und Minotaurus".
Der Blick der Frau wirkt distanzierend-abfällig, der Mann scheint uns mißtrauisch zu beobachten. Sie sind im Weggehen, wenden uns schon die nackten Rücken zu und sehen nur noch einmal prüfend zurück. Der Mann mit seinen Stierhörnern, die Frau mit den verwischt gemalten roten Haaren sind geradezu
eine moderne Version von Hexe und Teufel. Sie scheinen sehr miteinander verbunden zu sein. Das mag verwundern, wenn man die Legende kennt: die Jungfrauen mußten dem Minotarus geopfert werden, einem Monster aus einer sodomistischen Beziehung der
Königin von Kreta, Pasiphae, mit einem Stier. Dieses Monster, dieser Minotaurus, wurde in ein
Labyrinth gesperrt. Der Erbauer
Dädalus soll ein Genie gewesen sein. Dessen Sohn
Ikarus wurde berühmter für seinen Leichtsinn beim Fliegen. Mit Ariadnes Hilfe - ihrem Trick mit dem roten Faden - fand Theseus aus dem Labyrinth, nachdem er den Minotaurus getötet hatte. Das ist die Legende aus männlicher Sicht.*
Die Frau auf dem Bild ist also weder Pasiphae noch Ariadne. Sie kann nur eine der Jungfrauen sein. Doch Angela Hampel zeigt sie nicht ängstlich, ihn nicht als Triebtier, der sich gleich auf sie stürzen wird. Eher scheint sie ihn beschützen zu wollen.
Lange Zeit galt dieses gern gemalte Motiv als
"Symbol unerlöster menschl. Triebnatur"**. Sicher ging es dabei nicht um weibliche Triebe, sondern um das
"Vögele es oder töte es" (siehe
Wilber, K.) männlichen Denkens und Empfindens.
Angela Hampel zeigt zwei Menschen in einer Zusammengehörigkeit und Vertrautheit, wie sie selten ist zwischen Mann und Frau - eine sehr interessante Brechung des alten Männerbildes als Trieb-Tier und des alten Frauenbildes als Opfer des Mannes.
Im ersten Augenblick, als ich das Bild sah und seinen Titel noch nicht wußte, sah ich es als
"Hexe und Teufel". Es wurde sozusagen Stichwortgeber für die Seitenüberschrift meiner "Bilder von Männern und Frauen". Das Bild war in unserer Tageszeitung abgebildet und ich konnte nicht mehr wegsehen. Ca. eine halbe Stunde starrte ich es an und dachte nach und versuchte herauszufinden, warum mir dieses Bild trotz seines ersten abschreckenden Eindruckes immer mehr gefiel, mehr noch, warum ich nicht mehr davon loskam.
Mit der Zeit fielen mir immer mehr Dinge auf, die dem ersten oberflächlichen Blick verborgen bleiben: beider Münder sind leicht geöffnet. Das gibt ihren Gesichtern trotz des ersten abweisenden Eindrucks einen Ausdruck von Unsicherheit und Trauer. Es scheint, als wollten sie den Betrachter etwas fragen. Immer mehr sehe ich: die beiden sind ja gar keine Bedrohung - trotz der Hörner und der roten Haare mit all den damit verbundenen Vorurteilen und Klischees! Hilflos wirken sie. Irgendwie sieht es so aus, als verstehen sie nicht, warum sie
ausgestoßen werden. Sie gehen zwar weg, doch ich habe das Gefühl, daß sie es nicht freiwillig tun. Die Nacktheit hat nichts vordergründig Sexuelles, keinen Bezug zu wüsten Orgien in Walpurgisnächten, in denen "Hexen" sich mit dem "Teufel" triebhaft paaren. Hier betont sie die Schutzlosigkeit der beiden. Sie sind mir, dem Beobachter, und meinem Urteil ausgeliefert. Sie verstehen nicht, warum man sie nicht haben will. Sie haben nur sich in ihrer Einsamkeit. Ihr Anderssein hat sie verbunden.
Das, was diese Bild in meinen Augen so eindringlich schön macht, ist diese Ausstrahlung von bedingungsloser Zusammengehörigkeit.
Mann und Frau sollen "ein Fleisch und Blut" sein, sich wie die beiden Halbkugeln, die zusammengehören, suchen und finden. Warum nur machen wir es uns dabei so schwer?