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01. 01. 2010
Hexe
Weibliches Wissen, Denken und Erkennen
Stationen eines "eigen-willigen" Erkenntnisweges
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Selbst denken
 
 

Selbst denken
Wie ich mich aus einem vorgegebenen Denkschema löste

Die Wege des Herrn sind unergründlich. (Bibel)
oder:
Man weiß erst hinterher, was Erfahrungen wert sind.
Marie von Ebner-Eschenbach

In diesem Thema will ich meine wichtigsten Erkenntnisse aus der Zeit zwischen dem Ende des Studium  im Jahr 1974 und den ersten Jahren nach der Wende in der DDR im Jahr 1989 schildern.

Es geht darum, wie sich mein Traum von einem Philosophiestudium  auf sehr "eigen-willige" Weise erfüllte und
wie ich mich, ohne daß es mir auffiel, aus einem vorgegebenen Denkschema löste und die ausgetretenen Denkwege verließ. Ich versuche, eine Rechtfertigung dafür zu finden, daß ich es wage, Einstein zu kritisieren und ein eigenes Atommodell zu entwerfen.

  1. Der Traum erfüllt sich - ich werde doch noch Philosophielehrerin
  2. Der Alltagstrott
  3. Der Ausbruch
  4. Autodidakt
  5. Das Angebot
  6. Das Lachen
  7. Thomas
  8. Lektor und Bibliothekar
  9. Die Krise
  10. Das Ende
  11. Die Konföderation - zu schön, um wahr zu sein
  12. Die Analyse einer Idee
  13. Das letzte Gespräch
  14. Die feministische Wissenschaftskritik
  15. wie aus Fremdwissen Verstehen wird - das Verhältnis von Wissen und Erkennen
  16. die Wende-Zeit als Mischung aus Gewinn und Verlust
  17. die Lust am Selbst - Denken
  18. die Freiheit, denken zu können, was ich will
  19. "Das beste Spielzeug" - was dabei herauskommt, wenn man  mit Gedanken spielt
20. "Kontra" - wie produktiv und erkenntnisintensiv Auseinandersetzungen sein können
1. Der Traum erfüllt sich
1988 war das Jahr, in dem ich endlich  eine Arbeit als Philosophielehrerin aufnehmen konnte ...
Wie es dazu kam, werde ich vielleicht später in aller Ausführlichkeit schildern. Jetzt will ich nur ein paar Punkte herausheben:
 
2. Der Alltags-Trott
Nach dem Studium kamen mit der Arbeit im Betrieb und der Familiengründung neue Lebensbetrachtungen ins Spiel: während des Studium hatte ich noch keine konkrete Lebensplanung  gemacht. Nun wurde klar: Das war schon alles! Es ist nichts mehr zu erwarten, das Leben war vorgeprägt: Arbeiten bis zur Rente, Kinder großziehen, Urlaub und Feierabend, lesen und reden. Auch hatte ich längst begriffen, daß mir selbst nur ein Minimum an Einfluß auf mein Leben möglich war, die Umstände waren in jedem Fall stärker.
Nein, damals hatte ich diesen Gedanken noch nicht in aller Konsequenz gedacht, aber die Rebellion gegen das "unausweichliche Schicksal" war wohl unterbewußt schon am Werk.
 
3. Der Ausbruch
Denn sonst hätte ich nicht die Ehe, die wohlversorgte Sicherheit, bereits nach kurzer Zeit verlassen und mich einem völlig ungewissen Schicksal ausgeliefert.
Wenn ich damals  auch nur geahnt hätte, wie hart   es werden sollte, hätte ich nicht den Mut und die Kraft gehabt, diesen Schritt zu gehen. Oder doch? Wer kann das schon hinterher wissen.
der erste wirklich eigene Schritt in meinem Leben
4. Autodidakt
Schon bald nach dem Abschluß des Studiums hatte ich autodidaktisch begonnen, Geschichte der Philosophie zu studieren.  Doch die Lehrbücher waren langweilig.  Was ich suchte, stand dort nicht. Auch fehlten mir die heißen Diskussionen, wie ich sie aus der Zeit des Studiums kannte.  Es gab keine Partner mehr für den geistigen Austausch, die Menschen um mich herum hatten andere Dinge im Kopf als nach dem Sinn des Lebens zu suchen.
5. Das Angebot
Da zeigte sich ein Lichtblick, ein Ausweg: die SED bot Studium und Perspektive an. Doch während eines  Direktstudiums von einem Jahr, in dem die Grundlagen der Philosophie, der Ökonomie, von Geschichte und Politikwissenschaften (aus Verständnis der SED) vermittelt wurden, machte ich einen verhängnisvollen Fehler. Mein  wunderbarer Philosophielehrer, der mich gern als seine Nachfolgerin gesehen hätte, schrieb mir später bedauernd, sein Arm habe nicht weit genug gereicht ...
  
6. Das Lachen
Worin hatte mein Fehler bestanden? Ich hatte an unpassender Stelle gelacht.  Unser Geschichtslehrer und Seminarlehrer (der gleiche Typ Mann wie mein Seminarlehrer Dr. G. an der TU Dresden) hatte die Einführung zum Lehrabschnitt "Geschichte der SED" gegeben: Im ersten Teil sollte "die Geschichte der SED im 19. Jahrhundert" behandelt werden.
Das fand ich so komisch, daß ich im Seminar laut lachen mußte. Ich stritt mich anschließend "bis aufs Messer", will sagen, daß ich mich nicht überzeugen ließ: man kann von der  "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert" sprechen oder von der "Vorgeschichte der SED" - alle anderen  Bezeichnungen sind wissenschaftlich nicht haltbar. Das wollte mein Lehrer nicht hören, das war zu unbequem: besser, er hielt sich an die Vorgaben und hatte seine Ruhe ...

Das Lachen ist "typisch weiblich" und es ist eine gefährliche Waffe. Das wußte ich damals noch nicht. Ein chinesischer Kaiser soll seine Tochter zum Tode verurteilt haben, weil sie öffentlich über ihn gelacht hatte.   
Ein ähnliches Begriffs-Chaos herrscht übrigens in der  modernen Physik.
 
Eine solche Begriffsverwirrung  wie die oben geschilderte unterscheidet aus erkenntnistheoretischer Sicht eine Ideologie von einer Wissenschaft. Wieder - wie schon während des Physikstudiums  - begann  nun auch hier der Wurm des Zweifels langsam und heimlich zu nagen.
Eigentlich war als Fortsetzung geplant, daß ich mein Studium an der Akademie der Gesellschaftswissenschaften der DDR oder der Parteihochschule fortsetze.
Doch dann kam ich erst einmal aufs "Abstellgleis".
Ich werde diese Behauptung später an anderer Stelle ausführlicher behandeln. Sobald der Text fertig ist, wird hier ein Link auf ihn verweisen.
7. Thomas
Das ist  nicht der richtige Name des Mannes, den ich während dieses Studiums kennenlernte und der großen Einfluß auf mein weiteres Leben haben sollte.
Als er  zur  Vorstellungsrunde am Beginn des Studiums zu spät den Raum betrat, sich vorstellte und dabei die Bemerkung machte "Ich bin konfessionell nicht gebunden, gottseidank" flog ihm mein Herz zu, nicht wegen seines atheistischen Bekenntnisses, sondern  weil dieser Mann - kaum zwei Jahre älter als ich (ich war 27 Jahre alt) - Humor zu besitzen schien, eine überraschende und unübliche Eigenschaft in diesen Kreisen.
Er wurde  in den folgenden Jahren mein anregendster und intensivster  Gesprächspartner.
Als die SED-Kreisleitung von Wittenberg mir anbot, als Lektor in ihrer Bildungsstätte zu arbeiten, und ich große Bedenken hatte, redete er mir zu.
Der "ungläubige" Thomas aus der Bibel ist das Vorbild für diese Namenswahl.
8. Lektor und Bibliothekar
Es sind mitunter die kleinen Dinge, die eine Entscheidung beeinflussen: die Arbeit des Lektors bestand u. a. in der Betreuung einer  ziemlich großen Bibliothek. Meine Leselust war nicht geringer geworden. Im Gegenteil, sie  war ständig größer als mein finanzieller Spielraum. Ich willigte nach kurzer  Bedenkzeit ein, hatte von nun an 3000 Mark im Jahr  zur Verfügung (bei den Buchpreisen der DDR!), von denen ich Bücher für die Bibliothek kaufen konnte. Da sich niemand  von meinen Vorgesetzten für die Bibliothek und dafür interessierte, was ich mit dem Geld machte, konnte ich viele Bücher kaufen, die nur mich interessierten. Das Geld mußte verbraucht werden und die Leselust der Genossen  war verschwindend gering.
Hier war also die Quelle, an der ich liegen und meine autodidaktischen Studien fortsetzen konnte.....
9. Die Krise
Den Auslöser der Krise habe ich in Gottbild  im Abschnitt "5. wissenschaftlicher Atheismus" beschrieben.  Damit fingen die Zweifel an: was war das für ein furchtbarer Widerspruch - auf der einen Seite das wunderbare Zukunftsbild einer freien, gerechten, friedlichen Gesellschaft, auf der anderen Seite Hierarchien, Machtstreben und Machtmißbrauch, Egoismus, Arroganz gegenüber den Menschen, Überheblichkeit und emotionale Kälte? Ich merkte immer mehr, daß etwas schief lief, wollte es jedoch nicht wahrhaben. Einmal unterhielt ich mich mit einem alten Genossen, zu dem ich Vertrauen hatte, über diese  Entwicklung.  Es erschien mir alles so festgefahren, so unbeeinflußbar, es war keine Entwicklung, kein Fortschritt mehr zu erkennen. Ich sagte zu ihm: "Ich komme mir vor, als würde eine Dampfwalze langsam auf mich zu fahren und ich kann sie nicht mehr aufhalten ..."  Meine Vorstellungen über meine berufliche Entwicklung waren in der Sackgasse gelandet, ein Fernstudium in weite Ferne gerückt. Als man mir im Herbst 1986 eröffnete, daß ich das Studium - auf das ich 6 Jahre gewartet hatte, nur  und erst im Jahr 1988 beginnen dürfte, wenn ich  mich verpflichte, als Lehrer an einer Parteischule zu arbeiten, sagte ich sofort zu. Denn ich hielt es inzwischen bei diesen Menschen kaum noch aus. Da kam es mir gerade recht, daß eine neue Liebe in mein Leben trat und der Mann und ich uns noch einmal ein gemeinsames Kind wünschten.
Später werde ich weitere Details ergänzen - ich  überspringe ein paar Jahre und komme zum Ende ...
 
10. Das Ende
Im Sommer 1989 - seit einem Jahr arbeitete ich als Philosophielehrerin  an einer kleinen Schule - traf ich Thomas in Berlin.  Inzwischen war ich verheiratet, mein Sohn   Andreas war fast zwei Jahre alt. Thomas war inzwischen Mitarbeiter  beim ZK (Zentralkomitee) der SED, hatte an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften promoviert.  Wir unterhielten uns über die Situation im Lande und er wollte wissen, wie es "an der Basis" wirklich sei. Ich erzählte von der Unzufriedenheit, von den Versorgungsproblemen, den psychischen Auswirkungen der Stagnation. Als Beispiel sagte ich: "Weißt du, ich mußte, um einen Schlafanzug für Andreas zu bekommen, wochenlang herumrennen.  Ich kann mir vorstellen, daß jemand, dem es ähnlich geht, durchaus mitmacht, wenn eines Tages Steine in Schaufenster fliegen sollten."
Er war - wie ich - in großer Sorge, wie es weitergehen würde.
11. Die Konföderation - zu schön, um wahr zu sein
In dieser Situation hatte ich - angeregt durch unsere Diskussion - eine "verrückte" Idee: Mir war schlagartig ein "Ausweg" eingefallen: die DDR und die BRD sollten eine "Konföderation" bilden. Durch die gleiche Sprache hätten wir die besten Voraussetzungen, die  wirtschaftliche und kulturelle Annäherung von sozialistischen und den westlichen, kapitalistischen Ländern der EWG auszuprobieren.
Ich hatte das schlimmste Sakrileg begangen, das denkbar war. Thomas tat das einzige, was er tun konnte: normalerweise hätte diese meine Äußerung ein Parteiverfahren und den Ausschluß aus der SED gerechtfertigt. Doch er lachte mich aus, nahm meine Idee nicht ernst. 
Er ließ mir nicht einmal die Möglichkeit, zu begründen, warum ich auf diese Idee gekommen war.  Doch mit einem anderen als mit ihm konnte ich diesen Gedanken erst recht nicht ausdiskutieren.   Ich schwieg also, enttäuscht von ihm, erschüttert von der "Verrücktheit" meiner Idee und  dem Wissen darüber, daß niemand meine Gedanken ernst nehmen würde.
Im Jahr 1992 stand übrigens in der Presse, daß es bereits 1982 Ideen in der SED-Spitze zu einer solchen Konföderation gegeben hatte, die dann aber wieder in der Schublade verschwanden.
Die Ereignisse, die wenige Monate nach dem Gespräch mit Thomas ihren Lauf nahmen, sagten mir: ich hätte ohne Rücksicht darauf, was die Menschen von mir halten, diese Idee der Konföderation öffentlich machen müssen!

Wie  wäre wohl die Wiedervereinigung der beiden Staaten gelaufen, wenn ein solches Konzept von der SED selbst ausgearbeitet und von der DDR-Regierung aktiv und schon Jahre zuvor in Verhandlungen eingebracht worden wäre? Wie hätten diese Pläne umgesetzt werden können, wie hätten die Menschen in  beiden Teilen Deutschlands von Anfang  an beteiligt werden können, dieses Konzept mit auszuarbeiten und zu unterstützen? Nicht wahr, diese Vorstellung ist einfach "zu schön, um wahr zu sein" ?
Daß sich in meiner Idee "weibliches Denken" zeigte, habe ich damals natürlich  nicht sofort erkennen können.
12. Die Analyse einer Idee
In den folgenden Wochen habe ich versucht, meinen Gedankengang, der mich zu dieser Idee gebracht hatte, zurückzuverfolgen. 

Denn diese Idee war eigentlich "undenkbar", mit ihr hatte ich  mein ganzes bisheriges Wissen in Frage gestellt.

Vieles von dem, was ich bisher gelernt hatte, erwies sich aus der Sicht dieser Idee als unbrauchbar. Es war, als hätte ich bisher "gewußt", daß die Erde eine Scheibe ist und nun hätte ich  ihre Kugelgestalt gesehen. Das meint, es gibt Einsichten, die eine Art "Sprung" darstellen: hat man sie einmal gehabt, kann man nicht mehr in den vorherigen Zustand des Wissens zurück.  Es ist ähnlich wie beim Lesenlernen: Sie können sich noch so sehr anstrengen, es wird Ihnen, wenn Sie Buchstaben lesen können, nie wieder möglich sein, sie nur als Strichgebilde zu sehen: es gibt einen "Lesezwang".

Meine Krise hatte im Jahr 1986 begonnen, doch erst mit jenem Gespräch im Sommer 1989 begann ich, langsam und voller Entsetzen wirklich zu begreifen, daß das Konzept des Sozialismus in der Form, wie es in der DDR realisiert wurde, gescheitert war.
Viele Menschen sind noch immer verbittert von dem, was ihnen in der DDR angetan wurde. Andere sind verzweifelt, weil ihr Lebenswerk mit dem Untergang der DDR zerstört wurde.
Doch für ein Verstehen der Ereignisse  aus historischer Sicht  helfen diese Emotionen - so furchtbar sie für den Einzelnen auch sind - leider nicht weiter.

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13. Das letzte Gespräch
Nach der Wende sah ich Thomas noch zweimal: beim ersten Mal versuchte er mir einzureden, daß die SED-PDS-Umbenennung sinnvoll sei. Demgegenüber hielt ich die Auflösung und völlige Neugründung  für die einzig sinnvolle Möglichkeit. 
Auch in der PDS erlebte ich das gleiche wie in der SED-Zeit: meine Meinung und mein Wissen war den Genossen nichts wert. Damals wußte ich noch nicht, daß das sehr stark mit meiner "weiblichen Denkweise" zu tun hatte. Ich hatte in dieser Partei nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu suchen, nichts mehr verloren.
Die letzte Begegnung mit Thomas  war im Jahr 1996. Es war ein furchtbares Gespräch, voller Mißtrauen seinerseits mir gegenüber, voller Abneigung gegen alle von mir vorgebrachten Gedanken. Alle meine Versuche, ihn zu bewegen, mir zuzuhören, scheiterten an seiner Blockade. Er steckte bildlich gesprochen in einer Ritterrüstung. Das Visier war heruntergeklappt, dann kam der "Dolchstoß":

14. Die feminstische Wissenschafts-kritik

Er erwähnte - höhnisch das Gesicht verziehend - den
(1) Schwachsinn der "feministischen Wissenschaftskritik".
Er spottete über Elke Plöger, die damals Staatssekretärin in Magdeburg für Frauen, Familie und Gleichstellungspolitik war, die angeblich mit solchen "albernen Parolen" hausieren ging. Elke hatte ich als eine sehr engagierte, kluge, sympathische Frau kennengelernt, die den Kampf gegen die Ungerechtigkeiten an Frauen aus feministischer Position heraus (im Stil von Alice Schwarzer) führte.  Sie hatte sehr vieles für Frauen in Sachsen-Anhalt auf den Weg gebracht. Natürlich wurde sie von männlicher Seite und auch von Frauen angefeindet. Das hatte sie nicht verdient, denn ihre Absichten waren nicht egoistischer Natur, schon gar nicht - wie bei vielen männlichen Kollegen - ging es ihr um Macht und persönliche Bereicherung.
Einerseits fand ich seine Bemerkung rein wissenschaftlich berechtigt, andererseits ertrug ich nicht die Häme, mit der er über Elke sprach.

Thomas machte noch eine weitere interessante Bemerkung: 
  (2) "Wissenschaft ist objektiv.  Das Geschlecht des Wissenschaftlers ist unwichtig. Die Relativitätstheorie würde, wenn eine Frau sie entwickelt hätte, genauso aussehen."

Mit diesen beiden Bemerkung hatte er mir - ohne es zu wissen - einen "Schubs in die richtige Richtung" gegeben. Natürlich wollte ich nun wissen, was es mit der "feministischen Wissenschaftskritik" - von der ich nie zuvor etwas gehört hatte - auf sich hat.

Die Folge war, daß ich begann, wissenschaftskritischer zu denken:
Ist es denkbar, daß Wissenschaft doch nicht so "objektiv" ist, wie sie vorgibt zu sein?
Könnte es nicht doch sein, daß Frauen andere Theorien entwickeln würden als Männer?

Bei dieser Suche stieß ich auf die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth und auf das Lexikon "Das geheime Wissen der Frauen". Wieder tat sich eine völlig neue Perspektive auf ...     
Dieser Zwiespalt zwischen Verstand und Gefühl war sehr anregend und fruchtbar - er führte mich zum "Selbst denken".

Das "weibliche Wissen und Erkennen" , das sich mir in dieser Phase erschloß,  ist nun zum Thema dieser Website geworden.
 
Ein Ergebnis dieser neuen Sichtweise, auf die ich durch das Gespräch mit Thomas geführt wurde, war mein Atommodell.  Deshalb kann ich auch ihn als einen der geistigen Väter von "Fridolin" bezeichnen...
15. Wie aus Fremdwissen Verstehen wird ...
Meine wichtigste Erfahrung aus 50 Jahren Lernen, Denken und Erkennen ist diese: wichtiger als die Zeit für die Sammlung von Faktenwissen und das Speichern von Fremwissen (= lernen) ist die Zeit für das Verarbeiten und Durchdenken des angesammelten Wissens. Menschen, die mit Faktenwissen zugeschüttet werden, haben keine Zeit mehr zum "Nach"-Denken, zum  Genießen des aufgenommenen Wissens,  zum wirklichen Verstehen.
Doch  wir leben in einer Zeit,  in der das Auswendiglernen, das Nachplappern fremden Wissens höher bewertet wird als die Fähigkeit zum Denken. Das ist vielleicht die Hauptursache für die meisten Probleme unserer Zeit. Deshalb meine ich:
Man kann es mit der Aufnahme körperlicher Nahrung vergleichen: Lernen ist wie Essen, Nachdenken und Verstehen ist wie Verdauen und Umwandeln in körpereigene Stoffe
 
        Wir benötigen dringend
eine Kultur des Lernens und Lehrens,
die dem "Selbst denken" mehr Spielraum läßt ....
16. Wende-Zeit
An meinem 38. Geburtstag, am 4. November 1989 fand auf dem Alexanderplatz in Berlin die historische Kundgebung statt, auf der viele Bürgerrechtler sprachen, so auch der bekannte Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer.
Niemand konnte sagen, was die nächsten  Tage, Wochen, Monate bringen würden. Natürlich herrschte neben allen Erwartungen auch viel Angst vor dem Unbekannten unter den Menschen.
Einige glaubten, jetzt sei die Stunde gekommen, militärisch einschreiten zu müssen. Sie warteten nur noch auf den Befehl von oben. Ich habe in die Augen von einigen dieser Menschen gesehen, die fest entschlossen waren zu schießen, um den Sozialismus "mit der Waffe in der Hand zu verteidigen". Sie machten mir mehr Angst als alles andere, diese Befehlsempfänger ohne eigene Gedanken.
Noch heute bin ich der ehemaligen DDR-Regierung dankbar, daß sie keinen Schießbefehl gab, daß sie die Macht friedlich aus den Händen gab. Doch ohne den Einfluß der Kirche, die sich dafür verwendete, daß die Menschen sachlich blieben, und die die teilweise sehr aufgebrachten Menschen beruhigte,  wäre diese Wende-Zeit ganz sicher nicht so friedlich verlaufen. Auch das möchte ich hier anerkennend und dankbar erwähnen!
Ich glaube, es wird erst in vielen Jahren möglich sein, diese historische Leistung - die Verhinderung eines Bürgerkrieges - wirklich in ihrer ganzen Dimension zu begreifen. Allein diese Tatsache, daß die DDR-Spitze friedlich abtrat, hätte erwarten lassen können, daß die Sieger den Verlierern  gegenüber zu Gnade und Vergebung  fähig sein würden.
Daß es nicht geschah, zeigt, daß es keine wirkliche Vereinigung war. Nicht eine politische oder moralische Überlegenheit hatte gesiegt, sondern die ökonomische Stärke des einen Landes diktierte die Kriterien. "Andersherum", wenn die DDR das ökonomisch stärkere Land gewesen wäre, hätte es jedoch nicht besser ausgesehen! Auch dann hätte es "Sieger" und "Verlierer" einer Wiedervereinigung gegeben. Typisch männlich gedacht ....

Für mich kam die Wende gerade noch rechtzeitig. Noch krasser formuliert, sie kam zu einem Zeitpunkt, der für mich nicht hätte günstiger sein können.  Da sie objektiv notwendig war, historisch unausweichlich, kann ich  mit der nötigen Gelassenheit sagen, sie hat mir mehr gebracht als genommen. In der Folgezeit stieß ich auf einen geistigen Reichtum, wie ich ihn nie im Leben erwartet hätte.
Aus dem christlichen Vaterunser:

"Und vergib uns
unsere Schuld,
wie auch
wir vergeben
unseren
Schuldigern.
"
17. die Lust am Selbst-Denken
Mit den neuen Büchern, die ich nun zu lesen bekam,  den neuen Informationen, die von allen Seiten auf mich einströmten, wuchs die Lust am Erkennen  in unvorstellbarer Weise. Doch während ich früher den fertig vorgekauten Brei nur schlucken mußte, verlagerte sich jetzt das Problem: nicht alles  Wissen war glaubwürdig, nicht alle Literatur war in guter Qualität. Oft geriet ich  an Bücher, deren Inhalt  furchtbar dumm, manipulativ, entstellend war. Viel Zeit mußte ich investieren, um zu lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Noch etwas fiel mir in vielen Büchern auf:  nicht nur der Inhalt, oft war die Denkmethode, die ihnen zugrunde lag, plump und einfältig, geradezu unwissenschaftlich. Gute, brauchbare Gedanken mußten oft aus Geschwafel und Angeberei gesucht werden wie Erbsen aus der Asche. Am besten lernt man diese kritische Art, Texte zu lesen, wenn man mit dem Gedanken herangeht, Fehler in ihnen zu finden. Vor allem erwirbt man dadurch eine gewisse Respektlosigkeit vor den Autoren, läßt sich nicht mehr alles aufschwatzen.  Das war natürlich auch ein gutes Training des "Selbst-Denkens". Damals spottete ich, daß einige dieser Schreiberlinge nur "ihr geistiges Ejakulat in die Wüste   spritzen" wie einst der biblische Onan. Viele, so hatte ich den Eindruck, fragten nicht danach, ob der Leser sie verstand, einige schienen sehr stolz darauf zu sein, möglichst unverständliche und umständliche Texte, die sie für geistvoll hielten, dem Leser aufzutischen.
Mißgriffe passierten später immer seltener, nach und nach legte ich mir eine ganze Bibliothek äußerst interessanter Bücher zu. Viele von ihnen  sind in den "Quellen" genannt, einige von ihnen werden nach und nach in meiner extra dafür geschaffenen Webseite www.die-besten-gedanken.de vorgestellt werden.
Es erschütterte  mich zutiefst, als ich begriff, welchen geistigen Reichtum  es gibt,  den ich ohne die Wende nie kennengelernt hätte. 
18. die Freiheit, denken zu können, was ich will
Es war  eine wunderbare Zeit: niemand konnte mir mehr vorschreiben, was richtig und was falsch war, was ich wissen durfte und was nicht, was ich denken durfte und was nicht: die Lehrer in der Schule nicht, der Pfarrer aus der Christenlehre nicht, kein Professor an der Uni und erst recht keiner meiner ehemaligen Genossen. Endlich  begriff ich, was viele am Sozialismus, an der DDR so geistig einengend, so unfrei empfunden hatten. Jetzt hatte ich sie also auch, meine geistige Freiheit.
 
Das lustigste war, daß es trotzdem immer noch ein paar Leute gab, die glaubten, alles besser  zu wissen und ein Recht zu haben,  mir meine Gedanken vorschreiben zu können.    Einer dieser klugen Köpfe war ein Philosoph, ein "richtiger", der viele Jahre studiert und auch promoviert hatte. Ich durfte ihn "Doc" nennen. Ansonsten siezten wir uns die ganze Zeit, in der wir  uns zu gelegentlichen Diskussionen trafen. Er war sehr stolz auf das viele Wissen, das er da in seinem Kopf gesammelt hatte. Denn natürlich wußte er vieles viel besser als ich. Oft bat ich ihn, mir zu helfen und mir von seinem Wissen etwas abzugeben. Irgendwie redeten wir jedoch immer aneinander vorbei. Einmal, als ich ihn wieder einmal mit meinen Gedanken überforderte, sagte er zu mir:
"Frau Krüger, Sie dürfen sich erst Gedanken zu diesem Thema machen, wenn Sie wissen, was die alten Griechen dazu gesagt haben."
Diese Bemerkung halte ich für äußerst "bemerkenswert"! "Doc" wurde übrigens der vierte geistige Vater von "Fridolin" (siehe Die Väter im Thema Fridolin)
 
 
Auch dieser Satz ist verbürgt:
"Frau Krüger, das denken Sie falsch!"
Mein "Selbst-Denken" bekam also doch wieder Grenzen zu spüren, wenn auch jetzt auf anderer Ebene als früher. 
Später folgten Redeverbote in Veranstaltungen, in der Männer in der Mehrheit waren, persönliche Angriffe und Versuche, mich zu beleidigen. Irgendwo wurde ich vor einiger Zeit sogar als "geistiger Tiefflieger" tituliert, weil jemandem nicht gefiel, daß ich mich für Goethes Farbenlehre interessierte.

Diese Machthaber und Vor-Denker funktionieren - so ist mein Eindruck - zu allen Zeiten gleich.
19. Das beste Spielzeug -
"Denken ist das größte Vergnügen der menschlichen Rasse."
(Karl Marx)
Neue Informationen, neue Anregungen, neue Gedanken - ein neues Spielfeld tat sich auf!
Diese neuen Gedanken mußten verarbeitet werden. Es gab viel "nach"-zu-denken, das neue, fremde Wissen brauchte Zeit für seine "geistigen Verdauung", seine Umwandlung in eigenes Wissen.
Manchmal sagte ich: Ich habe das beste Spielzeug, das man sich denken kann - Gedanken.  Ich habe nur zum eigenen Vergnügen, aus Freude an dieser Tätigkeit mit Gedanken experimentiert und gespielt. Es gab keinerlei Vorstellungen, daß diese Gedanken einmal "mehr" sein könnten als der pure Selbstzweck. Doch wie meine Großmutter ("Großmama") - den Satz bewußt falsch aussprechend - gelegentlich sagte: "Wer spielt, is vors Jewinnen nich sicher!" - man weiß nie, was am Ende zu erwarten ist!

Wie soll ich das  im Nachhinein erklären und rechtfertigen? Letztendlich kann man seine Gedanken genauso wenig vorher bestimmen und kontrollieren wie sein Gefühle. Es passierte halt.  Auf keinen Fall habe ich vor diesen Gedankenspielen gesagt: Ich werde jetzt mal ein neues Atommodell machen.

Auch versichere ich an dieser Stelle ausdrücklich: daß mir die Denkfehler in Einsteins Relativitätstheorie bewußt wurden, war nicht meine Absicht! Ich habe mich nicht hingesetzt und gedacht: Jetzt will ich doch mal diesen Einstein widerlegen.  Irgendwann ergab jedoch die Gedankenfolge, daß genau das passiert war - aus Versehen! Sorry.
 
 
Auslöser dieser Beschäftigung mit Einstein war übrigens die Reaktion von Prof.  Ewald auf meinen an Prof. Moltmann gesendeten und von diesem an ihn weitergeleiteten Brief. Ich empfand Prof. Ewald Zeilen an mich als arrogant und gemein, so besorgte ich mir dessen Buch "Die Physik der Unsterblichkeit" - suchte und fand auch einen Fehler.  Die Reaktion auf meine diesbezügliche Mitteilung an ihn kam promt. U. a. schrieb er mir:
"Hoffentlich habe ich Sie nun endgültig davon abgehalten, Einsteins Relativitätstheorie widerlegen zu wollen."
Dieser Satz verwunderte mich außerordentlich und so begann ich danach zu suchen, wieso Prof. Ewald glaubte, daß dies meine Absicht gewesen sei.
siehe  auch
in Fridolin »
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20. Kontra
Bei meinen darauf folgenden Gedankenspielen rund um Einsteins Theorien zeigte sich etwas allgemeineres, äußerst wichtiges für das Verstehen des eigenen Erkennens: Man versteht etwas besser, wenn man erst einmal in "kontra"-Position zu einem Gedanken, einer Idee, einer Ausssage geht.  Der Versuch, eine Theorie zu widerlegen, ist die beste Methode, ihre Grundlagen zu verstehen. Viele lernen einfach nur auswendig und behaupten dann, etwas verstanden zu haben. Doch die Fähigkeit, fremde Gedankengänge fehlerfrei nachzuplappern, ist  noch keine intellektuelle Leistung. Das kann jedes Tonbandgerät. Es gibt Menschen, die sind in der Lage, in kürzester Zeit riesige Mengen an Informationen zu speichern und nach Belieben abzurufen, sogenannte "Savants".  Denken können sie mit diesen Informationen i. a. nicht.  Denken bedeutet, vorhandene Informationen sinnvoll miteinander zu verknüpfen.  Diese Verknüpfungen testet man am besten in Streitgesprächen. Deshalb habe ich in solchen heftigen Diskussionen, in denen die verschiedensten Meinungen (verschiedene Varianten von Informations - Verknüpfungen) aufeinanderprallten, am meisten gelernt. Mit guten Freunden, bei denen diese Streitgespräche nicht in persönliche Aversionen ausarten, "streitet" es sich am besten. Solche Diskussionsformen erlebte ich während des Studiums am häufigsten, danach nur noch selten. Mit "Streit" in diesem Sinne meine ich nicht, daß nur noch gegenteilige Meinungen auftreten müssen. Auch das Aufeinandereingehen, den Gedanken des anderen fortsetzen und ergänzen, Assoziationen entwickeln usw. gehören natürlich zu einem ergiebigen Gedankenaustausch.

Mit "Streitgespräch" meine ich eine Gesprächsform, die  unterschiedliche Auffassungen und deren Gegenüberstellung zuläßt, ohne in Feindschaft auszuarten.
"Das Wort, kaum ausgesprochen, erregt den Gegensinn."
Goethe

Dialektik ist im ureigensten Sinne die Methode, durch Rede und Gegenrede zu Erkenntnisfortschritt zu gelangen.
 
Jetzt erlebe ich meist, daß irgendwelche Leute monologisieren,  kaum einer geht wirklich auf den anderen ein. Keiner tut dem anderen weh - und am  Ende ist alles beim Alten geblieben, es kommt zu keinem echten Erkenntnisfortschritt. Oder man bekämpft sich, weil der andere der "Gegner" ist, selbst dann, wenn man mit ihm  im Grunde einer Meinung ist, eine besonders unter Politikern gepflegte "Streitkultur".
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