| Das Lesen |
Ich las damals, in meiner Kindheit, im Durchschnitt zwei bis drei Bücher in der Woche.
Die Fülle an geistigen Anregungen war so intensiv, daß ich darüber die materielle Not nicht wirklich so schlimm empfand, wie sie in den Augen anderer vielleicht erscheint.
Es gab in der Kindergartenzeit ein "Schlüsselerlebnis" der besonderen Art:
Die Kindergärtnerin hatte ein Buch für Erwachsene, ganz ohne Bilder, mit auf den Spielplatz genommen. Sie blätterte darin, um die Stelle zu suchen, die sie uns vorlesen wollte, in dieser Art, in der man die Seiten zwischen Daumen und den restlichen Fingern der rechten Hand schnell und einzeln durchgleiten läßt. Ich sah das Buch schräg von oben: den gebundenen Rücken mit seinem komischen Bogen, die zwei Stapel glatt geschichteter Seiten beidseitig der aufgeschlagenen Stelle und die Blätter, die sich durch die Luft bewegen - und in diesem Augenblick "saugte mich das Buch auf": ich fühlte einen unbeschreiblichen, angenehmen, lustvollen Schmerz - ich wußte erst später, was passiert war:
In diesem Augenblick war ich den Büchern verfallen für den Rest meines Lebens.
Artig wie ich war, war ich nie auf die Idee gekommen, mir selbst das Lesen beizubringen. Doch in der Schule ging es mir dann zu langsam - längst hatte ich die Fibel durchgelesen, als wir noch gar nicht alle Buchstaben "gelernt" hatten. Ich hatte durch Raten die fehlenden ersetzt, weil ich unbedingt die Geschichte vom "Schlaraffenland" lesen wollte.
Das Weihnachtsfest im zweiten Schuljahr verbindet sich mit einen interessanten Erlebnis:
Das stark bebilderte und nur wenig Text enthaltene Buch "Der gelbe Dickbauch", eine Geschichte über einen Leuchtturm und ein Nebelhorn, die beide gemeinsam Schiffe vorm Stranden retten, einer in der Nacht, der andere bei Nebel, unterhielten sich darin über ihre Arbeit und deren Sinn. Am ersten Feiertag muß ich wohl ziemlich genervt haben, denn mein Vater schlug vor, ich könne doch in dem neuen Buch lesen. Als ich ihm verkündete, daß ich das doch "schon lange durch" hätte, war er ziemlich erstaunt und meinte lachend, das ginge ihm zu schnell, er würde mir nie wieder ein Buch schenken.
In unserem Dorf gab es einen Kulturraum der LPG ("Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft"). Darin stand das zweite Fernsehgerät, das es im Dorf gab, und ein Bücherschrank mit ca. 100 bis 150 Büchern - für Kinder und für Erwachsene. Zum Fernsehen trafen wir Kinder uns dort - beim "Sandmännchen" am Abend, bei "Flax und Krümel" oder "Meister Nadelöhr" sonntags vormittags und samstags nachmittags zur "Flimmerstunde", in der Kinderfilme und Märchenfilme gezeigt wurden. Zuvor erklärte jemand immer noch etwas rund um diesen Film und das Filmemachen.
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Schon seit langem will ich einmal aufschreiben, welche Bücher darunter waren. |
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Als ich den Bücherschrank sozusagen "durchgelesen" hatte, fehlte der Nachschub. In dieser Situation spitzte sich das Familienleben zu: meine Stiefmutter ließ sich scheiden. Meine Großmutter in der Stadt suchte - nachdem auch das letzte Kind ausgezogen war - eine Beschäftigung und war ganz krank vom Alleinsein. Das Angebot, zu ihr nach Wittenberg zu ziehen, brauchte nicht die geringste Überlegung, mit Feuereifer sagte ich zu. Und die erste Handlung dort war - logisch - , mich in der Kinderbibliothek anzumelden. |
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| Das Denken |
Mein Vater, meine Schwester und meine Großeltern mütterlicherseits lebten weiter in Leetza, das ca. 15 km von Wittenberg entfernt ist. Mein Vater arbeitete in Wittenberg und fuhr täglich mit dem Fahrrad diese Strecke.
Ich ging seit Beginn der 6. Klasse in Wittenberg zur Schule - damals noch an 6 Tagen in der Woche - und fuhr Samstags mittags nach Leetza und am Sonntag abend wieder zurück nach Wittenberg - natürlich ebenfalls mit dem Fahrrad. Das schaffte mir nicht nur viel frische Luft und Bewegung, sondern auch immer eine schöne Zeit zum Nachdenken. Niemand störte mich dabei, denn normalerweise fuhr ich diese Strecke - von meinem 12. bis zu meinem 19. Lebensjahr - fast immer allein.
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| Der Sturz in die Identität |
Auch die Jahre zuvor waren für mich mit soviel Freizeit und Spielraum verbunden, daß ich immer genug Zeit hatte, über alles nachzudenken.
Ein Gedanke, mit ca. 9 Jahren gedacht, verursachte meine erste tiefe Krise: mir war durch den Kopf gegangen, daß meine Freundinnen ja trotz der vielen gemeinsamen Erlebnisse ein ganz anderes Leben als ich führten: sie hatten alle eine Mutter, ich nur die Großmutter und die Großtante. Einmal bedauerte mich eine der Muttis, daß ich keine Muter hätte. Doch das begriff ich nicht: meine Mutter war tot, ja, wir gingen auf den Friedhof und gossen ihr Grab. Das war so, und daß es für meine Mutter tragisch war, mit 33 Jahren zu sterben, das hatte ich auch verstanden. Aber wieso war es jetzt tragisch für mich? Unser Leben in der Großfamilie empfand ich als durchaus normal. Was wirklich fehlte, merkte ich ja damals noch nicht. Damals begriff ich jedoch, daß jeder Mensch ein unverwechselbar eigenes Schicksal hat, niemand sagen kann, was vor ihm liegt und er ganz allein für sich verantwortlich ist. Das erschien mir furchtbar, ganz entsetzlich in seiner Unentrinnbarkeit. Ich weiß, daß ich mich nach dieser Erkenntnis schrecklich einsam fühlte. Denn es gab niemanden, mit dem ich über solche Gedanken reden konnte.
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| Der besondere Lehrer |
Eine besondere Rolle in meiner geistigen Entwicklung spielte der neue Lehrer, Herr Pollmer, der zu Beginn des 3. Schuljahres mit seiner Familie nach Leetza gezogen war, um dort die Grundschule zu betreuen. Nicht nur, daß er "städtisches Flair" mitbrachte, er gründete mit uns eine Arbeitsgemeinschaft "Junger Naturforscher" und wir zogen einmal in der Woche durch die Umgebung von Leetza, lernten mit dem Luftgewehr schießen, auf die Zeichen der Natur zu achten, fuhren viel Fahrrad, lernten z. B. das Hangeln an einem Seil von Baum zu Baum. Wir gestalteten gemeinsam den Schulhof - u. a. mit schönen Wandmalereien. Seine Frau, die Lehrerin für das 1. und 2. Schuljahr, leitete den kleinen Chor und brachte uns auch die "Flötentöne" bei.
Einmal gab es einen Vorschlag, mich das 4. Schuljahr überspringen zu lassen. Eines Tages wurde ich mitten aus dem Unterricht aufgeforder, hinunter zu kommen in Pollmers Wohnzimmer. Das Betreten dieses Raumes war immer geheimnisvoll, weil es dort so vieles zu sehen gab, was es in normalen dörflichen Wohnungen nicht gab, z. B. einen großen Flügel.
Als ich den Raum betrat, war dort ein fremder Mann, der mich - ich war eigentlich noch mit dem Schauen des Raumes befaßt - überfallartig fragte, wieviel 3 x 17 sei.
Ich fand es komisch, daß er das wissen wollte, dachte erst einmal darüber nach, warum er mich das fragte, war noch halb in Gedanken bei der Zimmerbetrachtung und gab die Antwort auf seine Frage (eine für mich kinderleichte Berechnung) mit ziemlicher Verzögerung. Dann gab es noch ein Gespräch, an das ich mich nicht mehr erinnere. Das Ergebnis war, daß dieser Vertreter des Kreisschulrates entschied, daß ich das 4. Schuljahr nicht überspringen kann. Ich war sehr glücklich darüber und bin es auch heute - wo ich die Konsequenzen eines solchen Schrittes noch deutlicher sehe - noch viel, viel mehr. Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich eine solche Störung meines Lebensrhythmus nicht unbeschadet überstanden hätte.
Vor allem wäre mir das für mein Leben unschätzbar wertvolle zweite Schuljahr mit diesem wunderbaren Lehrer entgangen.
Doch nun springe ich wieder in die Zeit ab dem 6. Schuljahr in Wittenberg:
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| Der Schneesturm |
Mit diesen Fahrrad-Fahrten bei Wind und Wetter, sommers wie winters, verbindet sich eine Erfahrung der ganz besonderen Art. Es war - glaube ich - im Winter 1965/66, es kann auch ein Jahr später gewesen sein: Wieder mußte ich an einem Samstag mittag mit dem Rad los. Mein Vater kannte kein Pardon, bestand darauf. Kam ich nicht, gab es Ärger. Schon als ich losfuhr, hatte es stark geschneit und der Schneefall verstärkte sich immer mehr. Ich hatte vor der Abfahrt getrödet, so daß es bereits dunkel wurde, als ich die Hälfte der Strecke - noch fahrend - zurückgelegt hatte. Doch die Straßen waren nicht beräumt, der Schnee war durch die wenigen Autofahrer so aufgerührt, daß man mit dem Fahrrad nicht weiterkam, ich mußte es schieben. Nun begriff ich, was mir bevorstand: es war egal, ob ich vor oder zurück lief, was nun vor mir lag, war furchtbar. Der Wind peitschte den Schnee, der immer noch in riesigen nassen Flocken fiel, ins Gesicht, man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Das Fahrrad drohte ständig seitlich wegzurutschen - und ich war völlig allein und schon ziemlich durchnäßt und durchgefroren. Einige wenige Autos kamen mir entgegen, keines überholte mich, so daß es mich hätte mitnehmen können. In dieser Situation dachte ich nur, daß einfach umzufallen und liegenzubleiben auch kein Ausweg ist. Ich mußte da durch, ob ich wollte oder nicht. Wahrscheinlich lief ich noch fast zwei Stunden, ehe ich in Leetza ankam.
Erst mit den Jahren begriff ich, wie prägend dieses "Durchhalte"-Erlebnis war - ihm verdanke ich wohl auch meinen Dickschädel, wie man bei uns so schön sagt. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, lasse ich mich nicht so leicht wieder davon abbringen. |
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| Kleidungs-Not |
Es gibt ein Foto von mir, da bin ich etwa 14 Jahre alt. Darauf sieht man mich in dem (einzigen) Mantel, den ich damals hatte - bekommen hatte ich ihn mit 11 Jahren. Die Ärmeln enden irgendwo zwischen Ellenbogen und Handgelenk.
Ich besaß damals eine "Grundausstattung" von 1 bis 2 Hosen, 1 bis 2 Röcken und Kleidern, zwei bis drei Blusen und 3 bis 4 Pullovern, dazu ein Paar Stiefel, ein Paar feste Schuhe und ein Paar Sandalen.
Später, ab der 9. Klasse, als ich auch Lehrlingsgeld erhielt, wurde es etwas besser. |
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| Der Spott |
Wir wohnten in den 60er Jahren in einer der ärmlichsten und erbärmlichsten Wohnungen der Innenstadt von Wittenberg, im Hinterhaus von Markt 8: zwei Zimmer und Küche, ein Außenklo (ein Trockenklo direkt vor den Schweineställen, deren Mist unter Metallplatten gespeichert wurde, über die gehen mußte, wer zum Abort wollte), das wir mit zwei anderen Familien teilten. Es gab in der Küche zwar einen Abfluß, aber keine Wasserleitung. Auf dem Hof befand sich einer der Brunnen der berühmten "Jungfernröhrwasserleitung" aus dem 16. Jahrhundert ("kein Trinkwasser" - doch wir tranken es) und vorn im Hof eine Außenwasserleitung, von der sich alle 9 Wohnparteien der Seiten- und Hinterhäuser das Wasser im Eimer in die Wohnung holen mußten.
Unter den Dielen spielten die Ratten Hasche.
Wir hatten zwar einen Keller, der vom Hof aus zugänglich war, doch lagerten wir unsere Kohlen in einem kleinen Kabuff hinter der Küche, in das maximal 4 Zentner paßten. So zog ich immer, wenn die Kohle knapp wurde, mit dem Handwagen los und holte vom Kohlehandel einen Zentner (50 kg) Kohle. Einmal, in der 9. Klasse (ich ging schon aufs "Gymnasium" - also die "Erweiterte Oberschule Lucas Cranach" in Piesteritz) sahen mich dabei Jungen aus meiner Klasse. Am nächsten Tag und in den folgenden Wochen hänselten sie mich, indem sie mir den Spottnamen "Waldi" nachriefen. Ich nahm es hin wie schlechtes Wetter und irgendwann hörten sie wieder damit auf. |
Ich weiß nicht, ob "Hasche" ein weit verbreiteter Ausdruck ist, bei uns bezeichnet er das Einkriegespiel. Einer muß jemanden aus der Gruppe erreichen, der dann "dran" ist und den nächsten fangen muß. |
| Die Freundin |
Eine Schulfreundin zeigte mir irgendwann in der 7. Klasse einmal ihren Kleiderschrank. Darin befanden sich schätzungsweise 40 Kleider und 20 Paar Schuhe. Sie sagte, daß sie die meisten Stücke gar nicht mag und sowieso nicht mehr anzieht. Es mag jetz unglaublich oder auch lächerlich klingen, aber ich fragte mich damals, wozu sie so viel Sachen benötigte. Später erklärte ich mir mein mangelndes Interesse für Kleidungsvielfalt und Schmuck nicht nur mit der Armut und den Vorgaben meines Vaters, sondern auch mit meiner "männlichen Art zu denken". |
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| Das Nötigste und das Beste |
Dieses Desinteresse hatte einen großen Vorteil: statt in Kleidung, Schmuck und Kosmetik investierte ich fast meinen gesamten finanziellen Spielraum in all den Jahren in - Bücher.
Ich denke, daß ich von diesem "geistigen Reichtum", den ich mir damit erworben habe, bis heute mehr "Gewinn" habe, als von allen materiellen Schätzen der Welt. Wenn ich noch einmal die Wahl hätte, ich würde mich wieder ganz genauso entscheiden es war das Beste, was ich tun konnte. |
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