| 1. Die Einladung
zum Teetrinken
und der Befehl,
zum Frauenarzt zu gehen |
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Kaum hatte das Studium begonnen, wurden die weiblichen Studenten zum Tee eingeladen. Man teilte uns gar freundlich mit, daß es nur ein "entweder-oder" gibt: entweder studieren oder Kinder kriegen. Beides zusammen sei nicht vorgesehen. Es gäbe keine Krippenplätze für die Babys von Studentinnen, erst recht natürlich keine entsprechenden Wohnungen. Daher sei es unsere Pflicht, zum Frauenarzt zu gehen und uns die Pille verschreiben zu lassen. Die "Pille" war damals noch eine relativ unübliche Verhütungsmethode. Sie kostete anfangs 3,50 Mark pro Packung, wurde dann kostenlos abgegeben. Die Nüchternheit der Vorgaben und die Selbstverständlichkeit, mit der von uns erwartet wurde, daß wir uns daran halten, hatte schon etwas beeindruckendes.
Natürlich hielten sich die Studentinnen nicht im erforderlichen Maße daran. Einige bekamen trotzdem Kinder. Schließlich wurde ein Studentenwohnheim für Familien mit Kindern gebaut.
Im dritten Studienjahr, als wir ein Praktikum absolvierten, lernte ich eine Physikerin kennen, die seit acht Jahren verheiratet war und noch immer im Kinderzimmer zu Hause lebte, während ihr Mann noch sein Kinderzimmer bei den Eltern bewohnte. Die Wohnungsnot in dem während des 2. Weltkrieges stark zerstörten Dresden war wirklich riesengroß. |
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| 2. Die 60-Stunden-Woche - Lernen auf Kommando |
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Die nächste Vorgabe war, daß wir 60 Stunden pro Woche zu studieren hätten. Es hatte eine Hochschulreform gegeben, die u. a. das normalerweise fünf Jahre dauernde Physikstudium auf vier Jahre verkürzt hatte. Diese Kürzung erwies sich wohl als falsch, denn sie wurde wieder aufgehoben und die Jahrgänge nach uns kamen wieder in den Genuß des erst auf 4 1/2, dann auf 5 Jahre verlängerten Studium.
Die Ferienzeiten waren stark reduziert, im Sommer mußten wir an einer Art Zwischensemester teilnehmen.
Aus heutiger Sicht mögen die Zustände damals recht eigenartig wirken. Es gab wie in der Schule einen einheitlichen Lehrplan für alle Studenten und es gab Anwesenheitskontrollen in Vorlesungen, besonders an den Samstagen. Offiziell durften wir nur selten - ich glaube, einmal pro Monat - nach Hause fahren. Mit dem 3. Studienjahr erfolgte die Spezialausbildung in verschiedenen Disziplinen: Festkörperphysik, Tieftemperaturphysik, Fotophysik, Kernphysik, theoretische Physik.
Im ersten Studienjahres stand ich kurz vor dem Entschluß, das Studium aufzugeben. Ich versuchte noch, in die Pädagogik wechseln, aber das ließ die Uni nicht zu. So blieb mir nichts anderes übrig, als zu kämpfen und mich aus dem psychischen und Leistungstief langsam und mühevoll wieder herauszuarbeiten. Ich blieb eine mittelmäßige Studentin. |
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Voller Wissensdurst war ich nach Dresden gekommen, doch von dem, was ich dort zu lernen hatte, blieb das meiste "Fremdwissen", das ich nur auswendig lernte, aber nicht wirklich "verstand". |
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Oft war mir, als würde ich hungrig mit vollem Bauch aufstehen: als hätte ich "Stroh gefressen", ohne Nährwert. Meist wußte ich nicht, welchen Sinn diese Berechnungen hatten, die wir durchführen mußten. Es war zeitaufwendig genug, den Rechenweg zu begreifen, das physikalische Verständnis blieb demgegenüber zurück. Dieses unbefriedigende Gefühl schob ich natürlich auf meine Dummheit und Faulheit. Denn die vorgegebenen 60 Stunden Lernzeit pro Woche hielt ich nicht ein. Ich war doch keine Maschine, die auf Befehl zu bestimmten Zeiten Wissen in sich reinstopfte. Mein "Nach-Denken", mein "Verstehen-Wollen" kostete mehr Zeit, als man uns dafür zugestand.
Auch diese Erfahrung erwies sich für das Nachdenken über "männliches" und "weibliches" Denken als sehr nützlich.
Trotz allem habe ich von diesem Studium einen unbezahlbaren Schatz mit nach Hause getragen: das Training der wissenschaftlich-abstrakten, rationalen Denkmethode, das Erlernen der wissenschaftlichen Arbeitsweise und- das wichtigste - ein Intensivtraining im dialektischen Denken:
Ich kam mit einem durchtrainierten Gehirn in Höchstform nach Hause.... |
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| 3. Das Rätsel der alten Griechen |
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Natürlich gab es immer wieder spannende und interessante Praktika, Vorlesungen, Gespräche und Erkenntnisse.
Doch das prägendste Erlebnis war eine Abendveranstaltung mit unserem Professor für Theoretische Physik, Hans-Georg Schöpf, zur Geschichte der Philosophie. Er war von hause aus Philosoph und hatte von dort zur theoretischen Physik gefunden.
Prof. Schöpf sagte sinngemäß, die moderne Physik stelle mit Erstaunen fest, daß sie inzwischen das "Wissen der Alten" (er meinte die "alten Griechen") nicht - wie eigentlich zu vermuten wäre - widerlegt und weiterentwickelt, sondern es neuerdings bestätigt. Erst jetzt erkennen wir, wie "recht" sie damals schon hatten und wie viel sie schon wußten. Aber woher die "Alten" ihr Wissen hatten - so ganz ohne Experimente und moderne Mathematik und Naturwissenschaft - das könne er nicht sagen ...
Dieser Gedanke blieb: da waren Menschen zu Erkenntnissen gekommen, die sie nach unseren Vorstellungen noch gar nicht hätten haben dürfen. Wie konnte so etwas sein? |
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| 4. Vier Studentinnen und ein 16 Quadratmeter großes Zimmer |
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Zuerst hatte man uns in einem neuen Wohnhochhaus, eine Stunde Straßenbahnfahrt von der Uni entfernt, untergebracht. Eine "WG" im heutigen Sinne war das jedoch nicht: 10 Studentinnen wohnten in einer Dreiraumwohnung: diese war aufgeteilt in zwei Schlafräume für jeweils 6 bzw. 4 Studentinnen und einen gemeinsamen Aufenthaltsraum. Wir schliefen in Doppelstockbetten. Es gab einen Plan für das Aufstehen, wer wann und wie lange das Bad benutzen durfte. Die jeweils erste mußte zwei Stunden vor Abfahrt der Straßenbahn aufstehen. Denn natürlich begannen unsere Lehrveranstaltungen immer für alle gleichzeitig früh am Morgen. Nach ein paar Wochen zogen wir dann um in das eigentliche Studentenwohnheim in der Nähe der TU: je vier Studentinnen wohnten in einem 16 Quadratmeter großem Raum - wieder mit Doppelstockbetten und schmalen Spinden ausgestattet. Je zwei teilten sich einen kleinen Tisch, ca. 0,60 m x 1,20 m groß, zum Lernen und zum Essen. Bewegen konnte man sich in dem Raum kaum noch. Doch die Miete kostete nur 10 Mark. Die eine von uns hielt es nicht mehr aus und zog schließlich in eines der schwer zu bekommenden privat vermieteten Einzelzimmer. Das konnten sich nur sehr wenige leisten.
Unser Wohnheim beherbergte insgesamt rund 800 Studenten und Studentinnen der Fachrichtungen Mathematik, Physik und Chemie.
Wir wuschen uns in Gemeinschaftswaschräumen mit ca. 20 Waschbecken, kochten in der meist ziemlich dreckigen Gemeinschaftsküche und konnten aller zwei Tage im Keller duschen - die Großraumdusche wurde ebenfalls nach Plan genutzt.
Doch damals machte ich mir wenig Gedanken darum, nahm es als gegeben hin. Angesichts der allgemein noch vorhandenen Wohnungsnot war die Situation ja verständlich. Viel wichtiger war, daß ich in dieser Zeit durch eine erste "Schule des Lebens" ging und viele kostbare Erfahrungen sammeln konnte. |
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| 5. Arbeiterkinder sollen studieren |
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Die Förderung der Arbeiterkinder hatte sich die DDR so sehr in ihr Programm geschrieben, daß diese gelegentlich schon als Privileg angesehen wurde. Die Fakten in meinem Umfeld sahen trotz allem anders aus: ca. 80 Prozent aller Kinder lebten in Arbeiter- und Bauernfamilien. An der EOS ( der "erweiterten Oberschule" - dem "Gymnasium" in der DDR) war der Anteil der Arbeiter- und Bauernkinder schon wesentlich geringer, von den Studenten kamen noch höchstens 50 Prozent aus diesem sozialen Umfeld.
Nicht so sehr die Quantität, die Anzahl der Arbeiterkinder, war jedoch das Problem: viel schwieriger war es für uns (ich war ein solches Arbeiterkind) , den Vorsprung an Allgemeinbildung und - heute würde man sagen - "sozialer Kompetenz" der Kinder aus gebildeteren und reicheren Elternhäusern aufzuholen.
Daß es für die Universitäten Auflagen gab, sich besonders um die "Arbeiterkinder" zu kümmern, erfuhr ich erst im Jahr 1999 auf einem Treffen. Der frühere Leiter meiner Seminargruppe, Herr Dr. G., erwähnte, daß er damals einen nicht unerheblichen Teil seiner Arbeitszeit mit der Betreuung eines dieser Arbeiterkinder und dem Berichtschreiben über diese Betreuung zubrachte. Trotz aller Bemühungen brach dieser Student das Studium vorzeitig ab. Als Herr Dr. G. das im Jahr 1999 erzählte, dankte ich meinem Schicksal, das es mir erspart hatte, in seine "Betreuung" zu geraten. |
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| 6. Die ersten kleinen heimlichen Zweifel an der Lehrmeinung |
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Es waren nur zwei kleine und schüchterne Gedanken, die während des Studiums aufkamen und erst aus heutiger Sicht als beginnende Zweifel gedeutet werden können. Damals dachte ich zwar: "Da stimmt doch etwas nicht!", jedoch hielt ich mich grundsätzlich für zu blöd und zu inkompetent, als daß ich diese Gedanken weiter verfolgt hätte. Schließlich waren das ja alles äußerst kluge Männer und das Wissen war in Jahrzehnten und Jahrhunderten angehäuft worden, wie konnte ich da zweifeln! Es war nicht Autoritätsgläubigkeit, das möchte ich betonen, die mich hinderte, meine eigenen Gedanken zu beachten, es war das grenzenlose Vertrauen in die Wissenschaft und in diese Männer, die sie lehrten und von "Objektivität" und "Erkenntnisfortschritt" sprachen.
Diese beiden Gedanken hatten komischerweise sehr viel mit den Vorarbeiten zu meinem Atommodell zu tun: das eine war die Frage der Identität von ununterscheidbaren Teilchen, das andere war die Kopenhagener Deutung der Quantentheorie. |
Auf diese Zweifel gehe ich ausführlicher ein im Thema "Fridolin", in
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| 7. Der Vorne-Verteidiger - männliches Denken in Reinkultur |
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Die folgende Episode habe ich damals nur "individualisiert", nur bezogen auf diese Person, wahrgenommen. Inzwischen finde ich sich auch deshalb interessant, weil in ihr Elemente typischen männlichen Denkens erkennbar sind:
In meiner Semiargruppe war zu Beginn des ersten Studienjahre ein einziger Student Mitglied der SED. Er wurde natürlich unser FDJ-Sekretär und fiel durch sein großes Wissen und seine noch größere Klappe auf. Man hörte ihm zu und dachte sich sein Teil, aber man stritt nicht mit ihm, denn man zog immer den kürzeren. Einmal jedoch ließ ich alle Vorsicht fallen und legte mich mit ihm an: er hatte verkündet, daß wir - die DDR - "im Kriegsfall den Gegner auf seinem eigenen Territorium schlagen müssen", das hieße, wir müssen ihm zuvorkommen, wenn er denn einen Angriff plane. Denn sonst bliebe von der DDR nichts übrig. Meine Einwände, daß es unmöglich sei, mit diesem Argument den "Erstschlag" zu führen, ließ er nicht gelten.
Ich meinte, mit dieser Behauptung könne jeder einen Erstschlag gegen einen "Feind" begründen, und daß man ja nie sicher wisse, ob und wann der "Gegner" den Krieg beginne. Deshalb darf man sich - egal, was der Gegner plane - nie als erster zu Gewalthandlungen hinreißen lassen, auch wenn der "Erstschlag" des Gegners vernichtend für das eigene Land sein könnte. Seine Meinung war, die "Klasseninteressen der Arbeiterklasse" und die Tatsache, daß der Sozialismus die überlegenere Gesellschaftsordnung sei, rechtfertigten diesen Erstschlag. Ich wurde von im in die Ecke der ideologisch Unzuverlässigen gestellt, da ich diese seine Kriegspläne nicht gutheißen konnte.
Was ich damals nur intuitiv fühlte - daß mit einem solchen, möglicherweise von unserer Seite begonnenen Krieg gegen die BRD dort ja auch Menschen - Arbeiter, Frauen, Kinder - sterben würden und daß dies dem Wesen des Sozialismus total zuwiderlief - erhielt nach der Wende eine eigenartige Bekräftigung. Der Lebensgefährte meiner Freundin Gisela, die vor einigen Jahren zu ihm nach Bonn gezogen war, erzählte, daß er seinen Grundwehrdienst beim Bund um das Jahr 1980 herum geleistet habe, und zwar in der Luftraumüberwachung der DDR. Im Jahr 1980 war auch mein damaliger Lebensgefährte Micha zur NVA (Nationale Volksarmee der DDR) eingezogen worden und arbeitete in der Luftraumüberwachung der BRD. Beide Männer hatten sich also damals als Feinde gegenübergestanden. Was für eine Absurdität! |
Gewalt und Krieg als extreme Folgen "männlichen Denkens" stellen heute die Zukunft der Menschheit in Frage - eine Überwindung dieser Gefahr sehe ich nur, wenn die "weibliche Sicht", die aus weiblichem Denken entspringenden Alternativen öffentlich diskutiert werden. Es gab einen Aufruf von Nicole Kidmann und UNIFEM "Say NO to violence against women", der im November 2008 mit mehr als 5 Millionen Unterschriften weltweit beendet wurde. In dem Aufruf hieß es u. a., daß die Gewalt gegen Frauen die schlimmste aller Gewalttaten überhaupt ist - schlimmer als Krieg und Terror.
Siehe auch die Seite UNIFEM.
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| 8. Der Mathematik-Student, die abstrakte Kunst und der Welle-Teilchen-Dualismus Gottes |
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Eine der interessantesten Bekanntschaften war Gunter, ein Mathematikstudent, ein äußerst kluger und liebenswerter Mann.
Einmal nahm er mich mit in eine Kunstausstellung moderner, abstrakter Kunst. Eigentlich hielt ich nicht viel davon, verstand sie nicht und fand sie auch nicht schön. Doch in sachkundiger Begleitung ließ ich mich gerne darauf ein und war auch bereit, meine Vorurteile zu überwinden. Dann standen wir vor der Stirnwand des einen Ausstellungsraumes, an der zwei riesengroße, bunte, abstrakte Bilder hingen. Ich konnte einfach keinen Sinn in ihnen erkennen. Gunter erklärte und erklärte und ich fand nichts wieder von dem, was er in den Bildern sah. Ich bewunderte ihn und seine Klugheit.
Wieder einmal wollte ich mich für dumm halten. Doch dann warf ich einen Blick auf die Titel der beiden Gemälde - und es war nicht zu glauben: sie waren vertauscht. Es war ein "AHA"-Effekt, wie er im Buche steht: sobald ich die Titel dem jeweils anderen Gemälde zuordnete, wurde die Absicht des Künstlers anschaulich, konnte ich in den abstrakten Formen und Farben auf einmal etwas erkennen. Nur eines paßte dann nicht mehr: Gunters Erklärungen. Sie wirkten unter dieser neuen Sichtweise "an den Haaren herbeigezogen". Bei all seinem Wissen hatte er diese "Kleinigkeit", daß die Titel vertauscht waren, nicht erkannt.
Das eigentlich wichtige an jener Episode ist aus heutiger Sicht jedoch, daß erst seine Erklärungen über die abstrakte Kunst es mir überhaupt ermöglichten, etwas zu erkennen! Ohne ihn hätte ich überhaupt nicht sehen können, daß die Titel vertauscht waren.
Noch viel wichtiger für mich waren die wunderbaren, erkenntnisintensiven philosophischen Gespräche mit ihm. Ich war zu dieser Zeit bereits überzeugte Atheistin, er war Christ, einer von den ganz aktiven in der "evangelischen Studentengemeinde" der TU Dresden (so etwas gab es wirklich in der DDR!). Einmal diskutierten wir heftig über Materialismus und Idealismus, die beiden philosophischen Grundströmungen. An anderer Stelle wird darüber zu berichten sein, daß sich auch in dieser Einteilung "männliches Denken" spiegelt. Ein seltsamer Gedanke entwickelte sich in dieser Diskussion: wo zwei entgegengesetzte Auffassungen auftreten, bei der keine der beiden letztendlich ihre Richtigkeit beweisen kann, sollte man sehen, welche Wahrheit in beiden steckt. Könnte es sein, daß der klassische Materialismus und der klassische Idealismus bei aller so scheinbaren Unvereinbarkeit zusammengehören, so wie das Welle- und das Teilchenbild in der Physik? Dieser damals so völlig "abwegige" Gedanke gefiel mir außerordentlich. |
Zu diesem Gedanken über Materialismus und Idealismus bietet sich ein Buch an: Thomas M. Waldmann
"Die Gottesformel":
darin untersucht er das Gottbild der Menschen aus philosophischer Sicht - jenseits von religiöser Einengung auf ein bestimmtes Gottbild und jenseits der atheistischen Ignoranz des sich hinter diesem Thema verbergenden Wissens. Mehr darüber gibt es auf www.die-besten-gedanken.de - einfach auf das Buch-Bild klicken:

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siehe auch
Gott
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| 9. Der Physikstudent und die "Inkarnation der Perversion" |
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Dieser Student begegnete mir erst im letzten Studienjahr. Er studierte das erste Jahr an der TU Dresden und war sehr von sich eingenommen, sehr klug und redegewandt. In unserem einzigen Gespräch erwähnte er in irgendeinem Zusammenhang die "Inkarnation der Perversion", einen Ausdruck, den ich nicht kannte. Also fragte ich ihn, was er damit meint.
Er sah mich herablassend-lächelnd an und meinte, das erste Wort sehr, sehr lang ziehend in gespieltem Erstaunen: ""Waaaas, das weißt du nicht?" Er genoß seinen Wissensvorsprung, fühlte sich mir sofort überlegen. Dann klärte er mich auf und tat dabei so, als wäre ich schrecklich dumm.
Hier meine kurze Erklärung aus heutiger Sicht:
Perversion , pervers, Pervertierung :
bedeutet eigentlich nur "Verdrehung", "verdreht", im übertragenen Sinne auch "andersartig veranlagt", "von der Norm abweichend". Die letzte Erklärung hat es in sich!
Denn die negative Wertung, die in diesem Wort eingeprägt ist, erlaubt es, jede Normabweichung als "pervers" zu diskreditieren.
Inkarnation - "Fleischwerdung" - dieser Begriff wird i. a. verwendet um die Menschwerdung eines göttlichen Wesens zu beschreiben. In diesem Sinne ist die "Inkarnation der Perversion" (die Vergegenständlichung des Anormalen) eigentlich eine "Pervertierung der Inkarnation".
Zurück zur Frage nach dem Umfang des Wissens: sie ist eine Grundfrage im Zusammenhang mit der Suche nach Erkenntnisfortschritt. Sie hat auf erstaunliche Weise mit der Frage nach dem "männlichen" und dem "weiblichen" Denken und Erkennen zu tun. Ich komme an anderer Stelle noch auf diese Frage zurück.
I.P. - wie ich ihn nennen will - begegnete mir später, nach der Wende, noch mehrmals. Ausgerechnet er wurde einer der geistigen Väter von "Fridolin". |
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Mit "HB", einem anderen Physikstudenten, erlebte ich ebenfalls äußerst anregende Diskussionen. In einem dieser Gespräche sagte ich scherzhaft: "Weißt du denn nicht, daß ich eine Hexe bin?" Das Wort "Hexe" hatte bei uns eher die Bedeutung von Märchenwesen, also einer Frau, die zaubern konnte, als daß wir damit die historische sogenannte "Hexen"-Verfolgung verbanden. Seine Antwort ließ mich erschrecken:
"Ja, ich weiß, damals hätte man dich verbrannt."
Diese Assoziation hatte ich nicht gesehen, die Geschichte war weit weg und wir lebten doch in einer Zeit, in der Frauen keine Angst mehr haben mußten, verfolgt und als Hexe diffamiert zu werden. Hätte ich wirklich in jener Zeit um mein Leben bangen müssen? |
Wenn Wissen gefährlich wird, wenn Wissen Angst macht:
einer der Hintergründe dieser Frauenverfolgung soll die Angst von Männern vor diesen klugen Frauen und ihrem Wissen gewesen sein.
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Plötzlich war die Vergangenheit zum Greifen gegenwärtig, diese fremden Frauen damals, diese "Hexen", wurden in dieser Sekunde meine Schwestern. Ich vergaß oder verdrängte jedoch sofort, was er gesagt hatte - bis zum 19. Februar 1995.
An diesem Tag fand im Wittenberger Predigerseminar eine Sonntagsvorlesung statt, im Rahmen einer Reihe "Frauen mischen sich ein". Frauen aus der Reformationszeit wurden vorgestellt. Sieth Delhaas aus den Niederlanden hatte ein Biographie über die Frau Martin Luthers, Katharina von Bora, geschrieben und sprach zum Thema "Wege und Entscheidungen im Zeitalter der Hexenjagd". Die letzten Sätze ihres Vortrags waren auf die Gegenwart bezogen, auf den freien Markt und die modernen Technologien, die vielleicht
"Auslöser werden für einen neuen Hexenwahn mit modernen Opfern. Oder hat er vielleicht schon angefangen?"
In diesem Augenblick begriff ich, daß wir geistig noch gar nicht so weit vom Mittelalter entfernt sind, weil die Dummheit der Menschen auch heute noch in der Lage ist, im Namen irgendeines Dogmas Menschen zu vernichten.
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Wenn ich jetzt verrate, daß "Fridolin" etwas mit "Hexen-Wissen" zu tun haben könnte, lesen Sie vielleicht nicht mehr weiter. Bitte glauben Sie mir, als mir dieser Gedanke aufdämmerte, hat er mich wirklich erschreckt. Doch rein rational-logisch gesehen gab es eine verblüffende Analogie: Mein Atommodell verbindet sozusagen die realen physischen Dimensionen mit "höheren Dimensionen" des Seins (Informationswelt, geistige Dimensionen) - und die Hexe gilt als Vermittlerin zwischen diesen beiden Welten. |
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| 11. Die Liebe in den Zeiten des Studierens |
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Auf der Physikerinnentagung 2003 berieten wir in der Versammlung des Vereins "NuT e. V." (Verein "Frauen in Naturwissenschaft und Technik") über die nächste Broschüre im Rahmen der Schriftenreihe des Vereins. Ein Buch über Lesben in naturwissenschaftlich-technischen Berufen stand zur Auswahl. Die Autorin hatte nicht eine einzige Frau aus der ehemaligen DDR befragt. Wir diskutierten darüber, ob - ähnlich wie bei homosexuellen Männern die Kunst - lesbische Frauen vielleicht naturwissenschaftlich-technische Berufe eher wählen als andere Frauen. Die Frage ist noch offen.
Das Thema gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen war in der DDR oberstes TABU. So habe ich vor der Wende nicht das geringste darüber gehört. In unserem Studienjahr war es kein Thema, weder theoretisch noch praktisch.
Meine persönlichen Erfahrungen in Sachen Liebe schreibe ich nicht auf, es gibt interessantere Liebesgeschichten. Nur eines kann ich versichern, in Liebesdingen sind Physikstudentinnen genauso "himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt" wie andere Mädchen und Frauen auch.
Eine Episode ist vielleicht ganz amüsant: als wir vier Studentinnen, die ein Zimmer gemeinsam bewohnten, am Anfang des 2. Studienjahres gleichzeitig "solo" waren, gründeten wir den "KdU" - den "Klub der Ungeküßten", entwarfen ein Statut, das Küssen unter Verbot, Zuwiderhandlungen unter Mitteilungs- und Abgabenpflicht (pro Kußtag waren es - glaube ich - 10 Pfennig) stellte. Eine "Kußliste" wurde gewissenhaft geführt. Beides - Statut und Liste - habe ich natürlich bis heute aufgehoben. Mit einem Punkt wurde der einfache, wenig leidenschaftliche Kuß gekennzeichnet, der Kuß mit "Schmetterlingen im Bauch" bekam ein Herzchen als Zeichen. Der Klub sollte erst aufgelöst werden an dem Tag, an dem alle vier "gegen das Statut verstießen" ( § 1: Küssen verboten). "Leider" war ihm kein langes Leben beschieden .... |
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| 12. Das Ende des Studiums und der heimliche Wunsch, Philosophie zu studieren |
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Gegen Ende des Studiums setzte die Suche nach einem Arbeitsplatz ein. Da mit dem VIII. Parteitag der SED im Jahr 1971 die Grundlagenforschung zurückgefahren worden war, wurden nicht mehr so viele Physiker in der Forschung benötigt. Unsere Zukunft lag also in der volkseigenen Industrie.
Professor Knöner, damals Sektionsdirektor, gab uns mit auf dem Weg (sinngemäß aus der Erinnerung): daß wir nicht damit rechnen sollen, daß man uns gleich mit offenen Armen in der Industrie empfängt. Wir müssen uns unsere Tätigkeitsbereiche selbst suchen. Unser Vorteil sei es, daß wir selbständig denken, uns selbständig in jedes neues Wissensgebiet einarbeiten können und daß wir in allen Detailfragen die Übersicht haben, den größeren Zusammenhang erkennen können.
Ehe ich meine erste Arbeitsstelle im VEB Gummiwerk Elbe in Wittenberg-Piesteritz antrat, fragte ich mich, was ich denn jetzt am liebsten täte. Noch immer voller Wissensdurst und unbefriedigt von dem, was ich gelernt hatte, dachte ich ganz heimlich: Ich würde jetzt so gern Philosophie studieren. Einmal sprach ich gegenüber einer Freundin diesen Wunsch aus und erschrak selbst über meine "Vermessenheit" - ein zweites Studium, das war damals einfach undenkbar.
Also heiratete ich, begann zu arbeiten, bekam eine Tochter - und ließ mich scheiden. Ein neuer, andere Erkenntnisweg bekann... |
Diese nächste Strecke meines Weges beschreibe ich in Selbst denken |
| 13. Eine These, eine Vermutung, warum Frauen sich nicht für Technik interessieren |
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Am Ende des Studium wußte ich immer noch nicht, warum sich so wenig Frauen für Technik und Naturwissenschaften interessieren.
Doch inzwischen habe ich eine These, die nicht sehr schmeichelhaft für Männer ist:
Wir Frauen bauen nicht gern Computer, Autos oder Fernseher, aber wir nutzen die Technik mindestens genauso gern wie die Männer. Als ich einmal das neue Telefon programmieren wollte, fand ich eines heraus: ich hatte einfach keine Lust, mir umständlich und zeitaufwendig das dafür nötige Detail-Wissen anzueignen. Ich habe meinen Sohn gerufen, der das gern für mich tat. Das war viel einfacher. Die Zeit, die ich einsparte, konnte ich gut für interessantere Dinge nutzen.
Beim Computer ist es das gleiche: wieviel Zeit müßte ich aufwenden, bei Hard- und Software auf dem laufenden zu bleiben. So frage ich die Männer, die das wissen, bei Bedarf um Rat.
Mit anderen Worten:
Liebe Männer, sehr geehrte Herren! Habt Ihr, haben Sie schon einmal daran gedacht, daß wir Frauen Euch bzw. Sie - was Technik und Wissenschaft betrifft - nur ausbeuten?
Eine weitere These besagt, wenn Frauen ihr "weibliches" Denken in die Technikentwicklung einbringen könnten (wenn Männer das zuließen), wären technischen Geräte nicht so umständlich, sondern anwendungsfreundlicher (z. B. leichter zu reinigen) .... |
Diese These ist inzwischen gar nicht mehr so abwegig, ich habe sie auch bei anderen gefunden.
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