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31. 12. 2008
Hexe
Weibliches Wissen, Denken und Erkennen
Stationen eines "eigen-willigen" Erkenntnisweges
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Mathematik
 
 
Mathematik - Sind Jungen besser in Mathematik als Mädchen?


Die Erwachsenenwelt schlug eines Tages zu und holte mich aus meinen Kinderträumen.  Heute würde ich diesen Wendepunkt sehen, als mein Mathematiklehrer mir in der 5. Klasse sagte:

"Jungen sind besser in Mathematik als Mädchen."

  1. "Jungen sind besser in Mathematik als Mädchen"
  2. Die Mathematik-Olympiade
  3. Das Nibelungenlied
  4. Die nasse Kreide
  5. Die Spezialschule
  6. "Mädchen, studiert Mathematik, Physik, Chemie"
  7. Wie meine Lehrer auf meinen Studienwunsch reagierten
  8. Wie ich auf meine Lehrer reagierte (actio = reactio)
  9. Die Immatrikulations-Urkunde und die "männliche Logik"
  10. Spätfolgen
  11. Immer noch aktuell?
  12. 1 + 1 = 1 ?    -   Gedanken zur Mathematik aus Sicht einer Frau
  13. Mathematik und "halbe Wahrheiten"  - die "männliche" und die "weibliche" Logik in der Mathematik
1. "Jungen sind besser in Mathematik als Mädchen."
Diesen Satz sagte mein Mathematiklehrer, Herr Fuß, in der 5. Klasse zu mir:

     "Jungen sind besser in Mathematik als Mädchen."

Was war dem vorausgegangen?
In der damaligen DDR wurden an allen Schulen sogenannte Mathematik-Olympiaden durchgeführt. Diese gab es in verschiedenen Stufen bzw. Leistungsebenen:
- Die Schulolympiade: die Aufgaben wurden von interessierten Schülern (ab Klasse 3) zu Hause gelöst und beim Mathematiklehrer abgegeben, der sie dann bepunktete. Er entschied, welche Schüler zum nächsthöheren Ausscheid delegiert wurden.
- Die Kreisolympiade: aus allen Schulen eines Kreises trafen sich die besten Schüler und Schülerinnen aller Klassenstufen (ab Klasse 5) in der Kreisstadt, in meinem Fall die Lutherstadt Wittenberg. In einem großen Saal knobelten sie einen ganzen Tag, niemand konnte hier abschreiben oder fremde Hilfe in Anspruch nehmen.
- Die Bezirksolympiade: - ich glaube, sie wurde erst für Schüler ab der 7. Klasse veranstaltet - war der Wettbewerb der Besten aus den Kreisolympiaden auf Bezirks-Ebene, für mich der Bezirk Halle.
- Die DDR-Olympiade: aus allen Siegern der Bezirksolympiaden wurden ab der 9. Klasse die besten Mathematik-Schüler der DDR ausgesucht.

In der 5. Klasse hatten nun ein Junge und ich  beim schulischen Vergleich die Höchstpunktzahl erreicht, doch nur einer von uns beiden durfte angeblich zum Kreisausscheid. Deshalb mußte unser Mathematiklehrer bestimmen, wen von uns beiden er delegierte. Mit obigem Satz begründete er seine Entscheidung, nicht mich zu schicken. Ich bitte zu beachten, daß die Begründung für die Entscheidung des Lehrers das Geschlecht des anderen Schülers war, nicht z. B. seine sonstigen Leistungen im Unterricht oder etwas anderes.

Das hinterhältige an diesem Satz ist, daß in der  deutschen Sprache sowohl die Gegenüberstellung
       gut - schlecht ( Leistungsbewertung)
als auch
       gut - böse (moralische Einschätzung)
üblich ist.  Wenn jemand als "besser" eingeschätzt wird, verbinden sich Leistungs- und moralische Wertung unbewußt. Der leistungsmäßig bessere ist also der "Gute", der "Versager" ist auch der "Böse". 

Von dem Satz meines Lehrers war bei mir angekommen:
   Du bist schlecht(er), weil du ein Mädchen bist!
So hat ein Mathematiklehrer
eben vor  45 Jahren über  die mathematisch-naturwissen-schaftlichen Fähigkeiten von Mädchen gedacht. Diese Einstellung eines Lehrers hat natürlich Einfluß auf die Schülerinnen, auf ihre Motivation, ihre Leistungsbereitschaft, ihre Berufswahl.
Wie weit verbreitet (auch außerhalb der Mathematik) seine Sichtweise Mädchen und Frauen gegenüber unter Männern ist, wußte ich damals noch nicht. Später und bis heute machte und mache ich häufig die Erfahrung, daß Männer abwertend über das Leistungsvermögen von Frauen urteilten bzw.  es ganz ignorieren. Ich werde noch an vielen Stellen in dieser Webseite Beispiele dafür liefern können, daß im Normalfall Meinungen und Wissen von Frauen durch Männer "nicht ernst genommen" werden...



2. Die Mathematik-Olympiade
Ein Schulwechsel vom Dorf in die Stadt, eine neuer Mathematiklehrer und eine Mathematikarbeitsgemeinschaft ließen diesen Satz schnell vergessen. In den Sommerferien ging es ins Mathematiklager, ein Ferienlager, in dem Schüler des ganzen Bezirkes Halle kostenlos 14 Tage Ferien erlebten und gemeinsam Mathe-Knobelaufgaben lösten.  Im siebten Schuljahr hatte ich es geschafft: ich durfte zur Mathematik-Kreisolympiade! Es passierte das Undenkbare - ich belegte den 1. Platz in meiner Klassenstufe und wurde zur Bezirksolympiade delegiert.  Es kam noch unvorstellbarer - auch dort belegte ich den 1. Platz.
Ein Zirkus ohnegleichen begann: ein großer Artikel in der Regionalpresse lobte mich als "Mathematik-Ass", selbst wenn Geburtstagsgratulationen für Rentner in der Zeitung standen, wurde mein Foto verwendet mit der Unterschrift: "Heute gratuliert Brunhild Nitsche unseren Rentnern ..."   Natürlich hatte man mich weder gefragt noch überhaupt in Kenntnis gesetzt, daß man mein Foto und meinen Namen   dafür verwenden wollte. Die Texte waren stümperhaft und enthielten entstellende Aussagen, das Foto war grauenhaft fotografiert und noch grauenhafter retuschiert worden, es war einfach peinlich.
Doch es wurde noch viel, viel schlimmer. Denn die nächste Mathematikolympiade kam unausweichlich. Während ich bisher diese Leistungstests als etwas vergnügliches angesehen hatte, fuhr ich nun in der 8. Klasse mit einem äußerst unangenehmen Gefühl zum Bezirksausscheid. Heute sehe ich diese Situation so: ich war damals dem Erwartungsdruck meiner Umgebung nicht gewachsen: schafft sie es wieder oder nicht?  
Als erstes setzte man mich in einen anderen Raum als die anderen Achtklässler. In der 7. Klasse hatte mein Mathelehrer die Aufsicht in unserer Klassenstufe geführt, jetzt wurden wir getrennt. Ich begriff, ohne daß mir jemand ein Wort gesagt hätte: man unterstellte ihm und mir, daß er mir unerlaubt geholfen hätte. 
Mein Gehirn war wie gelähmt, ich konnte nicht klar denken, ich saß vor den Aufgaben und konnte mich nicht auf sie konzentrieren.  Diese Stunden gehören mit zu den furchtbarsten  Erinnerungen meines Lebens. Die Tatsache, daß ich nur  einen Platz unter "ferner liefen"  belegte, empfand ich als  Versagen und eine schlimme Schande....

Wie sollte ich damals begreifen, daß Begriffe wie "Leistung", "Erfolg", "Sieger", "Verlierer" "Kampf", "Konkurrenz" usw. der "männlichen" Denkweise entsprechen?

Selbst wenn Frauen in diesen Begriffen denken und sie auch auf sich anwenden, diese Denkweise klammert das "typisch weibliche Denken" aus. Dem weiblichen Denken sind eher die Kategorien "Gleichheit", "Hilfe", "Liebe", "Freude", "Kooperation", "Spiel" usw. zuzuordnen.










 

3. Das Nibelungenlied
Im Nibelungenlied wird von meiner Namensvetterin Brunhild (Brünhild, Brunhilde) berichtet, die für eine Frau außerordentliche Körperkräfte besaß und nur einen Mann akzeptieren wollte, der so stark wie sie oder stärker war. Nur ein einziger Mann, Siegfried, konnte sie besiegen. Der nutzte seine Kraft, diese Frau zu unterwerfen und sie einem Schwächling auszuliefern.  Ich litt mit dieser Frau, der ich mich durch den gleichen Namen verbunden fühlte. Doch war  sie nicht selbst schuld, warum mußte sie sich mit Männern vergleichen wollen, auf einem Gebiet, das nun einmal Männern vorbehalten ist?
Der Leistungswettbewerb zwischen Mann und Frau in dieser Sage verwirrte mich. Es war so absurd, daß eine Frau körperlich stärker sein sollte und stärker sein wollte als ein Mann. Wenn diese starke Frau einen schwächeren Mann akzeptiert hätte, wäre alles friedlich ausgegangen, oder? Ist das Absurde dieser Geschichte vielleicht, daß diese Frau "männlich" dachte?
Link zur Seite mit der FRAGEN-Übersicht
Nomen est omen?
War diese Brunhild ein "Mannweib", keine richtige Frau?
Damals dachte ich natürlich nicht darüber nach, wie Männer über dieser Sagengestalt  denken könnten.
 
Als ich etwa 11 Jahre alt war, geriet mir ein Buch in die Hände, in dem eine Frau in der Ich-Form von ihrer Kindheit und Jugend schrieb. An einer Stelle wurde ein Streit mit einem gleichalten Jungen beschrieben, den sie im Wettlauf besiegt hatte. Der Junge wollte das nicht hinnehmen und beschimpfte sie. So spottete er, daß sie diese Überlegenheit verlieren würde, sobald sie erst ihre Regel hätte. Ich fragte meine Großmutter, die mir bestätigte, daß Jungen "nun einmal stärker sind als Mädchen".
Durch dieses Buch begriff ich, wie wichtig es Männern ist, sich überlegen fühlen zu können im Vergleich zu Frauen. Aber ich verstand nicht, warum das so ist.
Auch habe ich damals noch nicht den Zusammenhang zur Mathematik gesehen. Wenn Männer also körperlich stärker als Frauen und in Mathematik besser sind, dann ist doch jeder Versuch einer Frau, sich mit ihnen in diesen beiden Bereichen messen zu wollen, absurd und lächerlich  - oder?
Wenn ich diesen Gedanken noch mehr auf die Spitze treibe, haben Frauen in Mathematik-Leistungsvergleichen nichts verloren. Man sollte - wie im Sport - separate Vergleich für jedes Geschlecht einführen.
Natürlich gibt es in der Praxis viele Mädchen, die bessere Noten in Mathematik erreichen, als vielen Jungen. Doch damit ist das Problem noch nicht aus der Welt geschafft, die Frage umfaßt mehr:
Sind die Mathematik-Leistungen aller Jungen zusammen signifikant besser als die Mathematik-Leistungen aller Mädchen und wenn ja, warum?

Nein, eigentlich geht das Theme "geschlechtsübergreifend" in eine ganz andere Richtung: wie hoch ist der Anteil der Schülerinnen
und Schüler (!), die der "mathematischen Logik" (das ist das gleiche wie die "formalen Logik") überhaupt folgen können? Wie ich hörte, soll er insgesamt nicht sehr hoch sein.
Bitte - falls ein Mann diese Stelle liest - ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre Sicht auf die Brunhild aus dem Nibelungenlied schreiben könnten!
Es ist sehr wichtig für mich, das zu wissen!
4. Die nasse
Kreide - die Beobachtung einer Lehrerin
Kurz nach der Matheolympiade in der 8. Klasse wurde mein Mathematiklehrer, Herr Bartels, "weggelobt". Er ging nach Kleinmachnow, um dort an  neuen Lehrplänen für Mathematik und neuen Mathematik-Schulbücher mitzuarbeiten.  Wir bekamen eine junge Lehrerin, die einigen frechen Jungen in unserer Klasse nicht gewachsen war. Diese machten sich einen Spaß daraus, die junge, hilflose Frau zu ärgern und den Unterricht ständig zu stören.

In dieser Situation tat ich etwas furchtbares - ich machte ein Experiment mit der Lehrerin: in der Pause hatte ich die Kreide versteckt bis auf ein Stück, das ich an den Enden naß gemacht hatte. Ich wollte wissen, ob die Lehrerin auf die Idee kam, die Kreide zu zerbrechen.  Doch das Wasser verlief, es war nicht mehr zu erkennen, daß die Kreide nur an den Enden naß war. Ehe ich alles rückgängig machen konnte, begann der Unterricht. Die Lehrerin betrat den Raum, ihr folgten der Direktor, der Kreisfachberater für Mathematik und noch ein fremder Mann Es hatte sich wohl herumgesprochen, daß der Unterricht in unserer Klasse so schlimm war. Drei Männer  hospitierten, also prüften die junge, verängstigte Frau. Wenn ich mir heute vorstelle, was in ihr  in jener Stunde vorgegangen ist! Sie hatte absolut keine Chance, Rücksicht kannten unsere Jungen nicht.

Dann greift sie zur Kreide, schreibt, auf der Tafel ist nichts zu erkennen. Sie sucht nach einem anderen Stück, findet keines. Der Direktor kommt zu mir und fragt leise: "Brunhild, weißt du, wer die Kreide naß gemacht hat?" Mit tief gesenktem Blick kann ich nur antworten: "Ja, ich." Er stutzt, fragt noch einmal, kann meine Antwort nicht glauben. Die Stunde wird abgebrochen...
Keine Experimente mehr!
Die Scham über diese Tat war  riesig. Nie wieder - so beschloß ich damals - wollte ich mit den Gefühlen und dem Verhalten anderer Menschen Experimente machen.
Mein Direktor versicherte mir, wie enttäuscht er über mich - das  Aushängeschild der Schule - war.

Erst jetzt, beim Aufschreiben dieser Episode, kommt mir der Gedanke, daß ich doch damals mit meinem "Experiment" dem Experiment dieser Männer "Wir beobachten eine Mathe-Lehrerin" einen ganz unerwarteten Ausgang gegeben hatte.
5. Die Spezialschule - Mädchen unerwünscht
Irgendwann in der 10. Klasse  erhielten wir die Information, daß es in der Bezirkshauptstadt Halle ab dem 11. Schuljahr eine Spezialklasse für mathematik- und physikinteressierte Schüler und Schülerinnen gibt. Die Schule arbeitete eng mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zusammen. Eine Aufnahmeprüfung war jedoch zu absolvieren. Soviel ich weiß, bewarben sich drei aus unserer Klasse um die Teilnahme an dieser Prüfung, Martin, Helga und ich.  Eines Tages fehlte Martin im Unterricht und Helga und ich erfuhren, daß er zur Aufnahmeprüfung gefahren war. Unser stellvertretende  Direktor, mein Chemielehrer Herr M. erwiderte auf meine Frage, warum ich nicht auch zu dieser Prüfung fahren durfte, mit einem Lächeln: "Brunhild, wir müssen doch noch ein paar gute Schüler an unserer Schule behalten!"
6. "Mädchen, studiert Mathematik, Physik, Chemie"
Als die Bewerbungsphase fürs Studium begann, lag eines Tages  in unserer Klasse ein Werbematerial:

"Mädchen, studiert Mathematik, Physik, Chemie". 

Ich weiß es nicht mehr genau, es war vermutlich vom Volksbildungsministerium herausgegeben. Erst in diesem Augenblick  begann ich sozusagen, "über den eigenen Tellerrand" zu sehen.  Zuvor hatte es mich nicht sonderlich interessiert, daß diese Studienrichtungen auch  in der schon so "gleichberechtigten" DDR von Mädchen noch selten gewählt wurden. Dieses Material hat sicher meinen weiblichen Ehrgeiz und Leistungswillen herausgefordert und einen kleinen Einfluß gehabt auf meine Entscheidung.
Vermutlich habe ich, durch diese Werbung angeregt, damals angefangen, darüber nachzudenken, warum sich so wenig Mädchen für diese Schulfächer und Berufe interessieren.
Die folgende Episode kann vielleicht nebenbei anschaulich machen, wie zentrale politische Orientierungen der DDR-Führung durch Basisverhalten deformiert wurden.
7. Wie meine Lehrer auf meinen Studienwunsch reagierten
Nun, die Bewerbungen waren abgegeben. Ich hatte dem ersten Drängen, mich doch für ein Pädagogikstudium zu entscheiden, erfolgreich widerstanden. Da wurden Helga und ich eines Tages ins Direktorzimmer bestellt, mitten im Unterricht und aus heiterem Himmel. Wir durften auf der schwarzen Ledercouch Platz nehmen. Man versank geradezu in ihr, wurde immer kleiner. Der Direktor, Herr K. (später in Unehren aus dem Schuldienst entlassen und vor Gericht gestellt, weil er Gelder veruntreut hatte für sein krankhaftes Bedürfnis nach Alkohol - er unterrichtete in unserer Klasse Geschichte und kam oft mit einer "Fahne" in den Unterricht) und der schon erwähnte Herr M. standen vor uns. Herr M. hatte als stellvertretender Direktor für Studienangelegenheiten die Auflage, 30 % der Abiturienten für ein Pädagogikstudium zu gewinnen. Helga und ich mußten  den Kopf ziemlich in den Nacken legen, wollten wir sie ansehen. Die beiden Männer belatscherten uns regelrecht, wie unvorteilhaft es für uns doch sei, Physik zu studieren und wie vorteilhaft, Lehrer für Mathematik und Physik zu werden. Das Hauptargument war, daß wir - wenn wir später verheiratet sind - ja große Schwierigkeiten haben werden, am Arbeitsort unseres Mannes einen Arbeitsplatz als Physikerin zu bekommen. Auch wäre es sicher besser für uns und unsere Kinder, wenn wir mittags aus der Schule kämen und Zeit für die Kinder hätten ... usw.

Helga und ich gingen ihnen nicht auf den Leim.

Doch sie gaben nicht auf: im Chemieunterreicht  wurden wir beide "getriezt". Nach einer mißglückten Leistungskontrolle - Helga hatte eine "5" , ich eine "4" gefangen, Noten, die uns ansonsten durchaus fremd waren - meinte Herr M. wieder sehr breit lächelnd zu uns: "Na, mit den Noten werdet ihr bestimmt nicht zum Physikstudium zugelassen."
Die spätere psychologische Analyse dieses Gespräches ließ in  mir eine Ahnung aufkommen, warum "Hexen" (also Frauen, die vor der Inquisition der "Hexerei" beschuldigt wurden) früher irgendwann alles zugaben, was man ihnen in  den Mund legte.
 
Auch mein Physiklehrer, den wir alle sehr mochten, spielte auf einmal dieses Spiel mit. Eines Tages bat er Helga und mich, in der Pause noch im Physikkabinett zu bleiben. Er zeigte uns ein Physiklehrbuch für Universitäten, das von mathematischen Formeln nur so wimmelte, und meinte, das wäre doch viel zu schwer für uns. Er hätte es schaffen können, mich zu verängstigen mit diesem Buch und diesem Gespräch, wenn die anderen Ereignisse nicht bereits geschehen wären. Dann hätte ich geglaubt, daß er uns ernsthaft raten will. Aber nun nahm ich ihm seine Besorgnis nicht mehr ab. Es war der blanke Trotz und Widerspruchsgeist, der mich denken ließ: Ich lasse mich von euch nicht abhalten - nun erst recht bleibe ich bei meiner Entscheidung!
Ein Jahr später hatte es Herr M. geschafft, meine jüngere Schwester zum Pädagogikstudium zu überreden.  Sie wurde sehr, sehr unglücklich in diesem Beruf und gab ihn schließlich auf.

8. Wie ich auf meine Lehrer reagierte (actio = reactio)
Doch ein Schutzengel hat wohl seine Hand über uns gehalten - es passierte ein "Wunder": in unserer regionalen Tageszeitung, der "Freiheit" erschien in diesen Tagen ein Artikel über ein Mädchen, das gern Lehrer werden wollte, dann jedoch überredet worden war, Lebensmittelchemie zu studieren.
Die wichtigste Textpassage unterstrich ich rot und nahm den Artikel mit in die Schule. Herr M. hatte eine Angewohnheit: während der mündlichen Leistungskontrollen setzte er sich seitlich rechts an die Fensterwand, direkt vor die Plätze von Helga und mir, und konnte so den Schüler an der Tafel und die Klasse gut im Auge behalten. Er hatte Adleraugen, keine Bewegung der Klasse entging ihm. 
Noch heute bin ich entsetzt und begeistert, daß mein Plan aufging: hätte ich dem Herrn M. diesen Zeitungsartikel einfach gezeigt, wäre alles nur halb so schön gewesen. Doch ich hatte mit Helga vereinbart, daß ich ihr während der Leistungskontrolle das Papier "heimlich" unter der Bank zuschieben wollte.  Es kam wie abgesprochen, ohne auf M. zu achten, gab ich ihr den Zettel. M. stürzte sich auf uns, schrie geradezu triumphierend in die Klasse, damit es auch alle mitbekamen: "WAS habt ihr da?" Scheinbar zögernd  gab Helga ihm den Artikel und Herr M. las das rot unterstrichene. Er sah mich an. Diesen Augenblick habe ich auch später noch oft genossen: ich konnte wohl kaum meinen Triumph verbergen.  Er war uns in die Falle gegangen.  Mit rotem Kopf stammelte er etwas zur Erklärung - und ließ uns fortan in Ruhe. Bis zu folgendem Augenblick, da schlug er noch einmal zurück:
Doch noch einmal ein Experiment mit einem Menschen




Diese Episode ist - nebenbei bemerkt - nur möglich gewesen durch die Analyse
der Denkmethode
des Herrn M.
9. Die Immatrikulations-Urkunde und die männliche Logik
Eines Tages war es dann so weit, in einer Schulstunde wurden die Immatrikulations-Urkunden überreicht. Als Herr M. mir den Bescheid der TU Dresden gab, daß ich für das Physikstudium  ab Herbstsemester 1970 zugelassen war, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen: "Na, Brunhild, ob du das Studium überhaupt schaffen wirst, wo du nicht einmal die Spezialklasse besucht hast?" Ehrenwort, ich schwöre jeden Eid: Das hat dieser Herr M. wirklich zu mir gesagt!

Natürlich sind die hier geschilderten Episoden zwar "wahr" im Sinne, daß sie wirklich geschehen und nicht frei erfunden sind. Trotzdem möchte ich betonen, daß dieses Verhalten von Lehrern nicht typisch war. Andere Studentinnen konnten wesentlich erfreulicheres berichten, viele hatten eine ausgeprägte Förderung und Zuspruch für ihre Studienentscheidung durch ihre Lehrer erfahren.

Ist diese "männliche Logik" nicht verblüffend?
Oder hatte er nur vergessen, daß er  selbst mir den Besuch der Spezialschule "versaut" hatte?

Drei männliche Mitschüler hatten sich ebenfalls für das Physikstudium entschieden. Es ist mir nicht bekannt, daß sie ähnlich von Herrn M. behandelt wurden wie Helga und ich.
10. Spätfolgen
Damals, im Herbst 1970, waren von 130 immatrikulierten Physikstudenten an der TU Dresden 24 Studentinnen.  Wenn die geringe Beteiligung von Mädchen an diesen mathematisch - naturwissenschaftlichen  Fächern nur historisch bedingt war, aus der früheren Nicht-Gleichberechtigung herrührte, hätte man hoffen können, daß es in den folgenden Jahren gelingen würde, den Frauenanteil weiter zu steigern. Das ist  bis heute nicht geschehen.  Die Frage bleibt, woran es liegen mag, daß Frauen und Mädchen sich so wenig für diese Wissensbereiche interessieren.
Inzwischen habe ich Antworten gesucht und gefunden. Ich stelle sie auf www.eine-weibliche-physik.de vor.
Der Link zu ihr:
zur WEB-Seite www.eine-weibliche-physik.de

11. Immer noch aktuell?
Anfang März 2006 fand ich im Amtsblatt des Landkreises Wittenberg eine Information der Arbeits-Agentur Wittenberg:
Mädchen können sich testen lassen, ob sie für "Männerberufe" wie Technik und Naturwissenschaften geeignet sind. Mit dem Angebot, daß sie durch den Psychologischen Dienst überprüft werden, soll es also gelingen, die Mädchen zu "begeistern".

Wenn ich heute  noch einmal vor der Entscheidung stünde, ob ich Physik studieren möchte oder nicht, würde mich diese Mitteilung eher abschrecken als interessieren.

Die unterschwellige Botschaft aus meiner Sicht ist die gleiche wie vor 45 Jahren durch meinen Mathematiklehrer, nur etwas raffinierter als Frage formuliert:

Sind Mädchen für diese Männerberufe (!) geeignet, sind sie überhaupt wissenschafts- und technik-tauglich?

In meinen Augen ist es ein gravierender Unterschied zu fragen, warum Mädchen und Frauen sich so wenig für Wissenschaft und Technik interessieren  oder zu fragen, ob sie "tauglich" dafür sind!



siehe Quellen " Amtsblatt"




12. "1 + 1= 1 ?"
Gedanken zur Mathematik aus Sicht einer Frau
Es geschah im Jahr 1997. Ein Buch - angeblich für Schüler - lockte mit dem Titel "Spiel mit dem Unendlichen" ...
Irgendwann während des Lesens merkte ich,
daß an dem Buch etwas anders war: dann entdeckte ich, daß eine Frau (Rózsa Peter, irrtümlich hatte ich Peter für den Vornamen gehalten) es geschrieben hatte!   Es war meine erste Begegnung mit einer "weiblichen" Sicht auf Mathematik

Das Buch führte dazu, daß ich eine rund 50seitige Arbeit schrieb mit dem Titel:
1 + 1 = 1? 
Dumme Gedanken eines dummen Weibes
über die Krone der Wissenschaft, die Mathematik

Darin zeigte ich zum Beispiel den Denkfehler bei B. Russel ("Barbierproblem") ebenso auf wie  den Fehler im Zusammenhang mit dem sogenannten "Kontinuumsproblem". Natürlich hatte ich keine Möglichkeit, diese Arbeit öffentlich zur Diskussion zu stellen. Doch sie wurde aus einem anderen Aspekt wichtig: wie es sich erst im Nachhinein zeigte, war sie der mathematische Vorläufer für die späteren Arbeiten zu meinem Atommodell. In diesem Sinne kann ich Rosza Peter  als eine zweite geistige Mutter, Tante oder Großmutter meines "Fridolin" bezeichnen . 
R. Peter siehe:
Quellen

Als ich an die Wochenzeitung "Die Zeit" schrieb (die B. Russel so gelobt hatte) und auf den Denkfehler Russels aufmerksam machte, wurde dies genauso ignoriert wie von der Zeitschrift "Der Spiegel" meine  Korrektur des Gedankenexperiments von Einstein, das in Heft 50/1999 veröffentlicht worden war.
Diese inzwischen weiter bearbeitete und ergänzte Mathe-Arbeit wird nach und nach auf meiner Webseite "www.eine-weibliche-physik.de" veröffentlicht.
13. Mathematik und "halbe" Wahrheiten
Hier ein klitzekleines, auf den ersten Blick trivial erscheinendes Beispiel, das zeigt, wo Denkfehler und Widersprüche in der Mathematik lauern können:
Mathematik verlangt "Eindeutigkeit", aber auch sie kennt die Möglichkeit, daß es zwei Lösungen für eine Aufgabe gibt, die beide "wahr" bzw. "richtig" sind. Man kann es auch anders ausdrücken:
eine richtige Antwort   ist in diesem Fall nur die "halbe" Wahrheit:
Hier  das Beispiel:
Wenn
                          x2    =      4
ist, wie groß ist dann x?

Natürlich ist
                          x      =      2
richtig und demgegenüber z. B.
                          x      =      3
falsch.
                          x      =   - 2
ist jedoch ebenfalls eine richtig Antwort. Die Aufgabe hat zwei gleichberechtigte richtige Lösungen. Ein Streit, daß einer behauptet, 2 sei die richtige Antwort und der andere behauptet (-2) sei richtig, ist denkbar. Doch in diesem Beispiel ist es augenscheinlich, daß es nicht lohnt zu streiten, wer nun recht hat - erst beide Antworten zusammen ergeben die "ganze Wahrheit".  So wie hier ist es in vielen Streitfällen.
Die formale ("männliche") Logik sagt: zwei entgegengesetzte Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein.
Die dialektische ("weibliche") Logik sagt: wenn zwei entgegengesetzte wahre Aussagen vorliegen, gibt es ein übergreifendes Gemeinsames. Hat man das gefunden, hat man eine höhere Erkenntnisstufe erreicht.


Wie Mathematik aussehen könnte, wenn sie diese weiblich-dialektische Logik integriert, das wird sich noch zeigen ...

Man  mag es kaum glauben, aber die meisten Streitigkeiten, auch in der Wissenschaft, ergeben sich genau aus diesem Problem: daß EINE richtige Aussage oft nicht die "ganze Wahrheit" ist.



Nun muß man sich also nur noch daran machen, in den bekannten Streitfällen nachzusehen, wo zwei Streithähne "beide recht haben"- dann ist man auf dem besten Weg, die "ganze Wahrheit" zu finden:
Man muß nur
"zwei (halbe) Wahrheiten zu einer machen".


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