| 1. Träume |
Natürlich habe ich zu Beginn meines Physik-Studium davon geträumt, einmal eine große Idee zu haben, etwas zu denken, das noch kein Mensch vor mir gedacht hat, etwas völlig Neues zu entdecken.
Im folgenden will ich einige prägende Erlebnisse schildern, die Einfluß auf diese Berufswahl hatten. |
Ein Physik-Student,
der von sich behauptet,
nicht davon zu träumen,
den sollte man
sofort von der Uni werfen! |
| 2. Das unbewußte Erkennen und meine Puppe Fridolin |
Im Alter von vier Jahren hatte ich ein seltsames Erlebnis: ich "wußte" etwas von einer Sekunde auf die andere, ohne es gelernt zu haben. Noch eigenartiger war, daß ich das, was ich in jenem Augenblick "erfahren" hatte, erst viel, viel später "wirklich" (soll heißen: "rational" ) zu verstehen begann. Heute würde ich die Situation von damals so beschreiben: Mir war das "Rätsel des Seins", die Tatsache, daß alles, was existiert, nur durch ständiges Werden und Vergehen existieren kann, schlagartig klargeworden.
Damals wollte jemand meine alte Puppe entsorgen und mir eine neue Puppe besorgen. Doch ich wollte die alte retten und schlug vor: „Fridolin muß nicht weggeworfen werden, er braucht nur neue Arme, neue Beine, einen neuen Kopf und einen neuen Bauch.“
Doch gleichzeitig durchzuckte mich die Frage:
Was unterscheidet diesen „neuen Fridolin“ dann noch von einer völlig neuen Puppe?
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ausführlicher schildere ich diese Episode in Die Taufe in der Vorgeschichte zu meinem Atommodell "Fridolin". |
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Diese Episode halte ich deshalb für erwähnenswert, weil es zusammen mit dem späteren Nachdenken eine wichtige Erfahrung war, wie Erkennen "funktioniert": ich verstehe heute, daß viele Menschen Erkenntniserlebnisse als "Wieder-Erinnern" beschreiben.
Mein Erlebnis von damals war so prägend gewesen, daß es wie ein Filter alle spätere Erkenntnis auf die Übereinstimmung damit überprüfte.
Richtig verstehen konnte ich diese Erfahrung von damals nur (!) durch jahrelange Beschäftigung mit Mathematik, Physik und Philosophie (!): der allmähliche Austausch von Teilen eines Systems hält dieses stabil, verhindert seine Alterung. Die Identität bleibt erhalten, obwohl oder gerade weil sich dieses System ständig ändert. Ohne den Austausch von Teilen des Ganzen würde das Ganze, das System „sterben“ : Panta rhei – alles fließt (Heraklit). Ich hatte - wenn man es so beschreiben kann - in einer Sekunde den ganzen Heraklit verstanden und alle spätere Beschäftigung mit seinen Gedanken glich diesem "Wieder-Erinnern".
Diese Gedanken, daß "alles, was existiert, nur existieren kann,
wenn es sich ständig verändert,
Veränderung die
Grundeigenschaft allen Seins ist," wurden zu einem wesentlichen Ausgangspunkt für meine Sicht auf das, was "die Welt im Innersten zusammenhält", für mein Atommodell, das deshalb von mir den Namen "Fridolin" erhielt, egal, ob andere das nun für "unwissenschaftlich" halten oder nicht.
Manchmal wird über die Erlebnisse von Menschen berichtet, die "dem Tod nahe" waren oder sogar klinisch tot. Mir fiel auf, daß in einigen Berichten Betroffenen einen Bewußtseinszustand beschreiben, in dem sie "auf einmal alles wußten". Diese Schilderungen machten mich stutzig, sie erinnerten mich an das Gefühl bei jenem Erlebnis vor 50 Jahren.
Später machte ich beim Lernen und Erkennen eine weitere, sehr spannende Erfahrung: Ehe ich zur Schule kam und lesen lernte, hatte ich schon eine Menge Buchstaben als Bilder gespeichert. Auch einzelne Worte (z. B. an Geschäften) hatten sich mir bildhaft eingeprägt. Aber ich wußte nicht, was sie bedeuteten. Nun lernte ich lesen. Und da passierte es auf einmal, daß ich im Nachhinein wußte, was ich damals "gelesen" hatte. Die Buchstaben-Bilder enträtselten sich (siehe auch rechts) ...
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Heidi auf der Alm:
Die meisten kennen sicher das Buch von Johanna Spyri über die kleine Heidi, die auf der Alm bei ihrem mürrischen und menschenscheuen Großvater lebt.
Darin gibt es u. a. folgende Episode: Als sie nach Frankfurt kommt, soll sie auch etwas lernen: lesen und schreiben.
Was wird nicht alles versucht, der kleinen Heidi, die nie zuvor Buchstaben zu Gesicht bekommen hatte, das Lesen beizubringen.
Aber sie begreift diese abstrakten Zeichen einfach nicht.
Die Lehrerin versucht auf alberne Weise, ihr die Buchstaben konkret zu machen. Erst als die Lehrmethode gewechselt wird und Heidi lange genug die Buchstaben-"Bilder" gesehen hat, fängt sie an zu begreifen ...
Das ist eine aus meiner Sicht äußerst aktuelle und nachdenkenswerte Geschichte über das Erkennen, Lernen und Lehren.
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Ich glaube, damals habe ich bereits begonnen, über die Art und Weise des Lernens und Denkens nachzudenken. Vieles von dem, was ich in den Jahren darauf allmählich zu begreifen begann, will ich - nach und nach - auf www.freude-am-erkennen.de darstellen. |
Ein Klick auf den Apfel öffnet die WEB-Seite in einem neuen Fenster:
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| 3. Der Sternen-Himmel |
Wir hatten im Dorf einen schönen großen Anger, nur umstellt von ein- und zweistöckigen Häusern und nicht zu großen Bäumen. Die Straßenlaternen spendeten kaum Licht. An klaren Abenden hatte ich dort eine wunderbare Aussicht auf den Sternenhimmel. Ich war fasziniert und erschreckt - die unfaßbare Größe der Erde und ihre gleichzeitige Winzigkeit machten mir Angst und ließen mich oft lange nicht einschlafen. Wie klein und sinnlos kam mir da mein Leben vor! Gleichzeitig bewunderte ich diesen gigantischen Kosmos, seine unaussprechliche Schönheit. Mit niemandem konnte ich darüber reden. Wieso interessierte sich niemand dafür? Woher sollte ich damals, mit meinen 10 Jahren Lebenserfahrung, wissen, daß es sehr vielen Menschen ähnlich ging wie mir?
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Wußten Sie, daß der große Physiker Stephen Hawking es als nicht der Mühe wert bezeichnet, sich die Sterne anzusehen? |
| 4. Das Galilei-Plakat |
Dann - ich besuchte die Grundschule im Dorf, in der immer zwei Klassenstufen gemeinsam von einem Lehrer unterrichtet wurden, im 3. oder 4. Schuljahr - hing eines Tages ein Plakat im kleinen Flur der kleinen Schule:
"Und sie bewegt sich doch!"
- es war wohl ein Theaterplakat über Brechts "Leben des Galilei". Unser Lehrer erzählte uns von Galilei, von seinen Erkenntnissen und den Umständen seines Lebens. War er feige gewesen, daß er nicht zu seinem Wissen gestanden hatte? Oder war es Klugheit und verständliche Lebensangst? Durfte man von ihm erwarten, daß er sein Leben für die Wahrheit opferte? Was waren die vielen anderen für Menschen, die so sehr gegen die Wahrheit und gegen die Menschen kämpften, die sie aussprachen?
Oh, was staunte ich über diese Zeit, in der die Menschen die Wahrheit nicht sagen durften, in der Menschen bestraft, verfolgt oder sogar verbrannt (!) wurden, wenn sie es doch taten. Die Wahrheit und die Erkenntnis - starke Kräfte mußten das sein, daß Menschen lieber starben, als der Dummheit zu Kreuz zu kriechen. Und wie froh und gleichzeitig auch traurig war ich, in einer modernen Zeit zu leben, in einem "wissenschaftlichen" Zeitalter, in dem man keine Angst mehr haben mußte, wenn man eine neue wissenschaftliche Erkenntnis gewonnen hatte! Damals, ja da mußte man noch Mut haben. Heute - dachte ich - ist alles einfacher, bequemer, nicht mehr aufregend, vielleicht sogar etwas langweilig.
In der Christenlehre hatte ich von einem ähnlichen Mann gehört, der die Wahrheit sagte, für die Menschen da sein wollte, und den man dafür sogar ans Kreuz geschlagen hatte.
Wenn ich damals schon gewußt hätte, was ich heute weiß über Objektivität und Wahrheitsliebe unter Wissenschaftlern ...
Nie wieder habe ich einen Lehrer gehabt, der sich um jedes einzelne Kind so gekümmert hat, wie unser Lehrer Herr Erhard Pollmer. Er wußte genau, was zu Hause passierte, kannte die Lebensumstände jedes einzelnen Kindes und konnte es dadurch ganz individuell "fördern und fordern". Niemals später hat Schule so viel Spaß gemacht wie bei ihm.
Deshalb war mein Berufswunsch klar:
Ich will auch
so ein Lehrer wie er werden.
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Übrigens halte ich aus meiner damaligen Erfahrung diese Schulvariante - "Zwergenschulen" in jedem Dorf - für wesentlich effektiver (also billiger und lernwirksamer) als die heutigen modernen Lern-Anstalten, zu denen die Kinder stundenlang
in Bussen hingekarrt werden.
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| 5. Das Seilspiel und ein Traum |
Der kleine Bauernhof, auf dem ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbrachte, war ein einziger "Physik-Spielplatz". Mein Vater und mein Großvater arbeiteten in der Stellmacher-Werkstatt (Kohäsionskräfte des Holzes, Eigenschaften des Wassers, Rotationskräfte usw.) und auf dem Feld und wir Kinder konnten jederzeit zusehen, was sie taten. Mein Vater hatte uns im Garten eine riesengroße Schaukel gebaut (das Verhältnis von kinetischer und potentieller Energie, Pendelschwingungen). Wenn wir Kinder auf dem Heuwagen hoch oben von der Wiese nach Hause fuhren und manchmal Angst bekamen, weil die Fuhre zu sehr kippelte, bekamen wir den Spruch zu hören: "Was wackelt, das kippt nicht." (die Erfahrung des labilen Gleichgewichts) Wir übten uns im Holzhacken (Impulserhaltungssatz, Energieübertragung, Beschleunigung und Kraftwirkung), mußten die Wasserpumpe wieder auffüllen, wenn sie abgelaufen war und kein Wasser mehr zog (Druck- und Sogkräfte, Hydrodynamik) u. v. a. mehr.
Von all diesen Spielmöglichkeiten ist mir jedoch ein gewöhnliches, ziemlich langes Seil, das eines Tages auf dem Hof lag und das ich mir aneignete, besonders in Erinnerung geblieben. Die Stunden, die ich damit spielte, kann ich nicht zählen. Eines meiner Lieblingsspiele war die Erzeugung einer Seilwelle: durch Anheben und Senken des einen Seilendes im richtigen Takt konnte dem Seil eine Schlängelbewegung (gedämpfte Sinuskurve) aufgeprägt werden: es gab Wellen mit großer oder kleiner Amplitude, Wellen in einer (senkrechten ) Ebene oder in Schraubenwindungen, wenn man das Seilende kreisförmig bewegte. Die Bewegungen sahen sehr schön, sehr harmonisch aus.... |
Oft bedauere ich, daß die meisten Kinder heutzutage solche Spielmöglichkeiten und Spielangebote nicht mehr kennen. Wie viel Kreativität und eigenständiges Spielen ist mit ein paar solchen Gegenständen möglich.
Deshalb habe ich seit Jahren den Traum von einem Projekt "Physik zum Anfassen" für Kinder. Ich fand bisher niemanden, der mich unterstützt hätte. Selbst fehlt mir der nötige finanzielle "Spielraum", diese Idee in die Tat umzusetzen.
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6. Das
Perpetuum mobile |
Als ich die 6. oder 7. Klasse besuchte, versuchte mein Vater, ein Perpetuum mobile zu bauen. Er zeigte mir Skizzen, die logisch und anschaulich erschienen. Er glaubte fest, daß es eine Möglichkeit gäbe, die Kraft der Erdanziehung zur kontinuierlichen Energiegewinnung auszunutzen. In der Schule hatte man uns jedoch gesagt, daß ein Perpetuum mobile nicht funktionieren würde und alle, die es bauen wollten, nur Spinner seien. Natürlich sagte ich ihm das und natürlich hatte ich nicht das Wissen, ihm zu beweisen, warum ich recht hatte und er sich irren mußte. Ein unbefriedigendes Gefühl blieb zurück...
Inzwischen weiß ich es zwar besser als damals, was es mit der Unmöglichkeit des Perpetuum mobile auf sich hat. Trotzdem finde ich die Träumer, die eines bauen wollen, liebenswerter als diese fertigen, durch nichts mehr zu erschütternden und ach so klugen "Besserwisser". Nicht, daß ich denke, es könnte eines Tages funktionieren, doch ich denke, man lernt intensiver, aktiver und selbständiger, wenn man versucht, ein Perpetuum mobile zu bauen, als wenn man nur nachplappert, was Lehrer einem an fertig vorgekautem Wissen vorsetzen.
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Heute denke ich,
daß nicht die,
die schon alles wissen und
an nichts mehr zweifeln, die Erkenntnis der
Menschheit vorantreiben,
sondern die, die entgegen
aller Lehrmeinung und
allen Autoritäten zum Trotz immer wieder das vorhandene Wissen in Frage stellen ...
"Sie waren sicher,
und irrten sich doch."
Voltaire
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| 7. Die Wünschelrute |
In der 11. Klasse besuchte ich eine Freundin auf deren Wochenendgrundstück. Es waren viele Fremde anwesend, einer von ihnen hatte eine Wünschelrute mitgebracht. Ich durfte sie auch einmal ausprobieren und spürte ein eigenartiges Gefühl, wenn sie mit aller Kraft ausschlagen wollte. Trotzdem konnte ich nicht so recht an die Erklärungen glauben, die der Wünschelrutenmensch gab. Sie paßten nicht zu meinem bisherigen Wissen. Ich hätte es gern genauer, wissenschaftlicher, gewußt. Die Begeisterung der anderen konnte ich nicht teilen. Ja, interessant war es schon, doch ich war mir sicher, daß es eine "natürliche Erklärung" für das Phänomen geben mußte.
Es gibt eine "Wünschelrutenausstellung", zusammengestellt und organisiert von einem Physiker, Dr. Hans-Dieter Langer - siehe www.drhdl.de.
Diese Ausstellung ist historisch und physikalisch äußerst informativ. Beispielsweise gehen die Recherchen zurück bis in biblische Darstellungen (Moses klopft mit dem Stab an den Felsen und eine Quelle sprudelt hervor.), es geht um die märchenhaften Zauberstäbe, um Bischofsstäbe und um angrenzende Gebiete wie z. B. das der geologisch überprüfbaren unterschiedlichen "Erdstrahlen" und ihrer Wirkungen (heilige Städte, besonderes Pflanzenwachstum, Orte, die heilen oder krank machen, ...).
Ich betone, daß diese Ausstellung mit wissenschaftlicher Akribie und Sorgfalt erstellt wurde und nicht auf Sensationsmache und vordergründige Effekte angelegt ist.
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Ich erinnere mich, daß ich dort sagte:
"Ich glaube, ich muß doch Physik studieren!"
Leider stand dann
"Die Physik der Wünschelrute"
nicht auf dem Lehrplan der TU Dresden.
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| 8. Eine ungewollte und segensreiche Berufs-Ausbildung |
Den wohl stärksten Anreiz für das Physikstudium gab mir die Berufsausbildung, die wir damals "nebenbei" machen mußten.
Alle zukünftigen Abiturienten an einer "erweiterten Oberschule" (die Bezeichnung für Gymnasien in der DDR) mußten damals einen Beruf erlernen. Die Auswahl an möglichen Berufen war gering. Zu dieser Zeit war mein Berufsziel Ärztin und so entschied ich mich für den begehrten Beruf der Krankenschwester. Nur zwei Ausbildungsplätze gab es für den ganzen Kreis Wittenberg. Die Schülerinnen mußten in der Bezirkshauptstadt Halle zur Schule gehen und im Internat wohnen.
Die Ereignisse im Vorfeld der Entscheidung liegen im Dunkeln. Fakt ist, daß es eine Urkundenfälschung gab (mein Antrag war manipuliert worden) und ich den verhaßten Beruf des "Meß- und Regelungsmechanikers" lernen mußte. Die Verzweiflung war riesengroß.
Mir war als Begründung lediglich mitgeteilt worden, daß dem Kreis Wittenberg die beiden Krankenschwester-Ausbildungsplätze von höherer Stelle gestrichen worden seien.
Doch dann in der Lehre zog mich das Wissen in seinen Bann. Besonders die Fächer des theoretischen Unterrichts Maschinenkunde, Maschinenelemente und Werkstoffkunde faszinierten mich. Ich weiß noch, wie ich das Eisen-Kohlenstoff-Diagramm (es beschreibt die Phasenübergänge beim Eisen: wann es Eisen, wann Stahl bzw. Gußeisen ist, welche Strukturen es in den einzelnen Bereichen hat, was beim "Abschrecken" passiert usw.) wie ein Offenbarung, wie ein Wunder ansah.
Die praktische Ausbildung vermittelte Fähigkeiten nicht nur im Bohren und Feilen von Metall, wir lernten schweißen, schmieden, fräsen, drehen, löten, ...
Wir waren ein gemischte Gruppe - die gleiche Anzahl von Jungen und Mädchen lernte den Beruf. Ich versichere, daß es in der Berufsausbildung nicht ein einziges Mal eine Bemerkung unserer Lehrer oder Lehrausbilder (alles Männer) uns Mädchen gegenüber gegeben hat, daß der Beruf doch eigentlich nichts für Mädchen sei. Leistungsmäßig gab es zwischen den männlichen und den weiblichen Lehrlingen wohl auch keine großen Unterschiede, mir ist jedenfalls nichts in Erinnerung geblieben.
Noch etwas fiel mir damals auf: sowohl in der Berufsausbildung als auch in der Schule wurde mir von Lehrern ausgeprägtes Abstraktionsvermögen, logisches und selbständiges Denken bescheinigt.
Vielleicht haben diese Einschätzungen mit dazu beigetragen, daß ich später stolz war, "wie ein Mann zu denken" - und daß ich meine "weibliche Seite" des Denkens und Erkennens damals vernachlässigte.
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Mein späterer Mann Lothar lernte zur gleichen Zeit an einer anderen Erweiterten Oberschule den Beruf des Maurers. Nach dem Abitur studierte er ebenfalls an der TU Dresden: er wurde Berufsschullehrer für Bauwesen.
Einmal erzählte er mir, wie schwer es diejenigen unter seinen Mitstudenten hatten, die vor dem Studium keinen Bauberuf ergreifen konnten. Vor allem eine Studentin, die während der Schulzeit zur Krankenschwester ausgebildet worden war, hatte überhaupt keine Ahnung von dem, was sie da lernte und später einmal lehren sollte. All ihr Wissen war nur "abstrakt".
Lothar spottete: "Die hat noch nie einen Ziegelstein in der Hand gehabt, wie will sie mal vor die Lehrlinge treten?"
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| 9. Nur nicht Lehrer werden ! |
Meinen Studienwunsch Medizin hatte ich leichten Herzens aufgegeben, als die Krankenschwester-Lehrausbildung nicht geklappt hatte. Er war ja auch eher der Wunschberuf meines Vaters für mich gewesen als mein eigener.
Nun hätte mein Berufswunsch aus der Kindheit - Lehrer - wieder aktuell werden können.
Damals mußten wir uns rechtzeitig im ersten Halbjahr der 12. Klasse, betreut durch die Schule und gesteuert von einer zentralen Studienbewerbungs-Stelle der DDR, für einen Studienplatz bewerben. Ich erinnere mich, daß wir u. a. eine Lochkarte auszufüllen hatten, auf der wir zwei oder drei Studienwünsche angeben mußten. Bis zu einem bestimmten Termin mußte die Schule die Unterlagen weiterleiten. Es mußte ja alles ordentlich geplant werden. Die Schule erhielt auch die Immatrikulationsbescheide, die sie an uns weiterleitete. Einer der stellvertretenden Direktoren, mein Chemielehrer, Herr M., war speziell für alles zuständig, was mit den Studienbewerbungen zusammen hing. Er hatte eine Auflage: 30 Prozent der Abiturienten mußte er dazu bringen, Pädagogik zu studieren.
Da war mir eines klar: gebe ich den Studienwunsch "Lehrer" an, und sei es nur als letzten der drei, kann das gleiche passieren wie bei der Bewerbung um meine Berufsausbildung: Dann haben wieder andere Leute die Möglichkeit, meine Unterlagen zu fälschen. Diesem Risiko wollte ich mich nicht noch einmal aussetzen.
Deshalb schwor ich mir, so ein Spielchen nicht noch einmal mitzumachen. Ein Pädagogikstudium bekam man in der DDR auch noch einen Tag vor Beginn des Herbstsemesters. Lehrer konnte ich also jederzeit noch werden, wenn alle anderen Versuche fehlschlugen.
Doch was sollte oder wollte ich dann werden? Meine Schulfreundin Helga sagte, sie würde Physik studieren. Eigentlich hätte ich es mir nicht zugetraut, doch wenn sie den Mut aufbrachte, warum sollte ich es nicht auch versuchen? Mathematik pur erschien mir denn doch etwas zu trocken und langweilig. Meine Bewerbung für das Physikstudium war trotz allem mehr ein Spiel, herauszubekommen, ob ich an der angesehenen TU Dresden angenommen würde, als daß ich wirklich ganz sicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Später wunderte ich mich manchmal, wie spontan, verrückt und unüberlegt, geradezu "unvernünftig" ich damals gehandelt habe. Heute heißen solche Entscheidungen ja "intuitiv" oder "aus dem Bauch heraus" und man weiß, daß das eine eher weibliche Art ist, Entscheidungen zu treffen.
Ich gab nur diesen einen Studienwunsch an. Die Lehrer bedrängten mich, einen weiteren (Pädagogikstudium) anzugeben, doch ich weigerte mich.... - Die darauf folgenden äußerst eigentümlichen Erfahrungen habe ich in "Mathematik / Wie meine Lehrer auf meinen Studienwunsch reagierten" notiert.
PS : Natürlich wurde ich viel später doch Lehrerin. |
Pardon - eine Episode darf ich auf keinen Fall unterschlagen:
Im ersten Studienjahr saß ich
einmal im Restaurant des
Bahnhofes Halle, als sich eine elegante Dame zu mir setzte.
Wir kamen ins Gespräch, ein Wort ergab das andere. Schließlich erzählte sie von ihrer Tochter,
die in meinem Alter war und Medizin studierte. Diese wollte mit Beginn des 9. Schuljahres eigentlich Krankenschwester lernen, hatte aber diese begehrte Lehrstelle nicht bekommen können. Da habe sie mit ihrem Mann alle Beziehungen spielen lassen, so daß die Tochter doch diese Lehrstelle bekam. Die Dame war aus Halle, die Tochter war im gleichen Studienjahr wie ich, hatte wie ich im Jahr 1970 ihr Abitur gemacht.
Es war kein Problem für mich "eins und eins zusammen zu zählen". Nun wußte ich, wem ich es zu verdanken hatte, daß ich nicht Krankenschwester wurde. Natürlich war es für die andere viel wichtiger gewesen, Krankenschwester zu werden. Sie wollte ja Ärztin werden! - Ein
göttlicher Zufall!
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